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Weine nicht, mein Kind!
Ginsbert saß weinend in seinem Schneehaus und kochte sich einen leckeren Kaffee. Er hatte ihn selber gepflückt, dann in seiner Hose (dem einzig ständig warmen Platz hier) zwei Wochen fermentieren lassen aber schlußendlich auf die Röstung verzichten müssen. Er beschloß ihn sich trotzdem schmecken zu lassen. Hier in dieser Einöde fühlte sich Ginsbert so richtig wohl. Keine lästigen Nachbarn, keine Besuche im Supermarkt oder in der Kirche mehr. Als Nachbar war er sich selber am nächsten, die Eiswüste war sein Supermarkt und die kleine Hütte, die er sich gebaut hatte, war ihm Kirche genug. Es gab sogar einen kleinen Altar auf dem er ein paar religiöse Figürchen aufgestellt hatte. Sie waren jedoch aus staubigem Schneematsch geschnitzt und nicht sehr stabil. Seine kleine Familie bestand aus einer Mutter, einem Vater und einem Kind. Dem Kind hatte er eine große Kerze aus Waltalg auf den Kopf gesetzt, wie er es früher in der Bibel gelesen hatte. Weinend betrachtete Ginsbert durch den Dampf des heißen Kaffees hindurch sein lumpiges Jesuskind, welches mit seiner Kerze gerade die Eltern schmolz, welche sich stolz über es beugten. Bittere Tränen floßen aller Wangen hinab und Ginsbert schluchzte und weinte wohl drei Stunden lang. Zwischendurch aß und trank er natürlich, auch aufs Klo mußte er ab und an. Das erledigte er in der Natur.
Der Kaffee begann zu wirken, und Ginsbert fühlte neue Tatkraft in sich aufsteigen. Den Drang, etwas zu unternehmen. Fröhlich grinsend schnappte er sich Jesus und stellte ihn zur Wache vor sein Schneehaus.
Befreit von aller Pein und Not rannte er durch das Unterholz, hielt dann und wann an, um einem Kaninchen oder einer Wachtel eine gute Nacht zu wünschen. Während er befreit über die schneebedeckten Wiesen rannte, entkleidete er sich nach und nach, um schließlich keuchend und schnaufend nieder zu sinken. Hier könnte er in Ruhe sterben. Sein Atem wurde langsamer und ein wohliger Schleier des Vergessens senkte sich über seine Gedanken. All der Schmerz und Kummer, die ihm seine Umgebung zugefügt hatte war unwichtig geworden. Sorgenlos packte er sein inneres kindliches Ich bei der Hand und machte sich auf den Weg in den wankenumrangten Pfad, der vor ihm lag. Ein stiller Weg, umgeben von schwach seufzenden Fischern und breitgrinsenden Froschmännern, die ihn mit ihren häßlichen eitertriefenden Augen angafften, in den Händen längliche Speere mit Fischen darauf gespießt. Auch einige braunhäutige Schönheiten standen vor ihm. Sie waren genau sein Geschmack, doch sie lachten ihn aus, ihr hämisches Gelächter klingelte in seinen Ohren, bis er es nicht mehr aushalten konnte und er rannte an ihnen vorbei. Kein Gedanke mehr an umkehren. Immer weiter bis die Dunkelheit ihn vollkommen umfaßt hatte. Nur ein einzelnes schwaches Licht erhellte den Weg noch. Ein Funkeln, wie von einer weit entfernten Taschenlampe. Seine Verfolger konnte er hinter sich kaum noch spüren. Ihr lustiges Kichern verklang traurig winselnd in der Ferne. Hoffentlich war er jetzt allein. Allein in der Dunkelheit. Nur nicht wieder sehen. Bitte nicht wieder sehen, das konnte nicht gut werden. Ein wenig Ruhe brauchte er jetzt. Irgend etwas stimmte hier nicht.
Mit einem Mal ging das Licht an. Er war umgeben von lachenden Menschen. Ein ganzer Karneval von Menschen und er war die Hauptattraktion. Einige Kinder warfen breiige Kuchen auf ihn und schrieen immer fort:“Toaster! Toaster!“, bis ihnen die Zungen wund und klebrig wurden und ihre Köpfe zu stahlblauem Pudding zerflossen, der sich schnappend und kauend in seine Richtung aufmachte. Eine Wolke süßlichen Brezelduftes ging ihm voraus. Eine kleine Fee tanzte sichtlich erschöpft auf den Puddingmassen mit einer braun gefaulten Birne eine Art Stepptanz. Was Ginsbert besonders mißfiel, war ihre gänzlich unprofessionelle Asynchronität. Lange geübt hatten sicher weder Fee noch Birne. Ginsbert flüchtete sich in eine Ecke. Doch jetzt war er nur umgeben von lauter strahlend weißen Zähnen, die hungrigen alten Weibern mit Regenschirmen und Einkaufswagen gehörten. Sie rieten ihm immerfort, er solle seine Schuhe zumachen, seine Schuhe zu machen, die Riemen waren ganz lose. Aber als Ginsbert an sich hinabsah, fand er dort nur seine nackten Füße vor, allenfalls festgebackene Reste seiner Ringelsocken, aber keinerlei Schuhwerk. Die alten Frauen warfen sich zu Boden und krabbelten auf seine Füße zu und brachten ihn mit ihren Krallen zu Fall. Tretend und beißend setzte sich Ginsbert zur Wehr, doch es half nichts. Die ganze Menge war derart aufgebracht, daß einfach kein Entkommen aus ihrer Mitte möglich schien. Seine Hände bekamen etwas zu fassen. Ein Bettgestell. Kaltes Metall. Vielleicht seine letzte Chance. Er zog und zog, und bald hatte er es erreicht. Versuchte sich aufzurichten, aber kam nur auf seine Knie. Er kletterte und kletterte. Gleichzeitig spürte er das Pack an seinen Gliedmaßen herumkauen. Sein rechtes Bein war schon beinahe weg. Letztendlich hatte er das Bett erklommen. Schnell kauerte er sich unter die Decke, und verleugnete jegliche außerordentliche Existenz. Er war gefälligst allein. Bestenfalls durfte ein Kuscheltier seine Festung mal besuchen. Aber nur ein Nettes.
* * *
Durchatmen. Aufstehen. Augen öffnen. Sich der Existenz aller Körperteile versichern und aufstoßen. Ginsbert war dieser Ablauf derart ins Blut übergegangen, daß er wie von selbst ablief. Nur nachdem eine gewisse Zeit vergangen war, erlaubte er es sich, seine Aufmerksamkeit auf die unmittelbare Umgebung zu richten. Ein netter kleiner Bauwagen, dessen Einrichtung nostalgische Erinnerungen an seine Zeit als Putzhilfe in irgendeinem Bahnhof hervorrief. Eigentlich war er gar keine offzielle Putzhilfe gewesen, sondern hatte nur die Kloschüsseln nach Münzen und Bargeld durchwühlt, meist erfolglos. Zumindest hatte er damals einen Freund fürs Leben getroffen, eine aus den Ohren qualmende Heroinleiche mit einem morbiden Humor. Auf alle herabwürdigen Scherze und Wortspielchen Ginsberts hatte sie (die Leiche, ob männlich oder weiblich hatte Ginsbert trotz aufwendiger Recherche niemals erfahren) kaum mit einem Zucken der glitzernd schimmernden Mundwinkel geantwortet. Nachdem Ginsbert sie heftig keuchend in den ICE nach Nürnberg gehievt hatte, wurde auch schon die Bahnhofspolizei auf ihn aufmerksam, was für Ginsbert immer ein Zeichen dafür war, schnell das Weite zu suchen.
Ein netter kleiner Bauwagen, der nach Zimt und Bruchstein duftete, eine irritierende Mischung aus Franzbranntwein und Kirschsaftcocktail, erfrischend und Speichel gerinnend zugleich. Wie eine durchzechte Mittsommernacht in Schweden, oder eine madenwimmelnde Bauchwunde mit schlecht sitzender Bandage. Nach genauerer Begutachtung stellte sich letzteres als Quelle der betörenden Geruchswelt dieses Bauwagens heraus.
Wer auch immer ihn hierhin gebracht hatte, war nicht sonderlich fürsorglich mit der klaffenden Wunde umgegangen, die seinen Unterleib zierte. Wie er sich die wohl zugezogen hatte, fragte er sich. So wie er sich kannte, hatte er wieder einmal im Rausch versucht, seine Bauchschmerzen durch Entnahme der Innereien zu lindern. Glücklicherweise waren die Maden noch nicht sonderlich fett. Er würde sich einfach in den nächsten Zoo begeben und einen hungrigen Ameisenbären suchen, um die Wunde zu säubern.
Viele Wochen später – sein Retter hatte sich Ginsbert nicht offenbart – ging es Ginsbert schon deutlich besser. Er hatte soeben beschlossen, seine Sachen zu packen und sich zurück zu seiner Schneehütte zu begeben. Da öffnete sich die Tür des Bauwagens und herein kam eine in triefende knielange Gewänder gehüllte Gestalt mit langen grünen Haaren, die überall ins Gesicht hingen. Ginsbert zögerte keinen Augenblick, schleuderte den heißen Topf Suppe in Richtung Eindringling und bahnte sich seinen Weg an dem Unhold vorbei in die Außenwelt. Hastig verschloß er die Tür und verkeilte sie mit einem herumstehenden Spaten. Von innen hörte er Fluche und Wutgeschrei. Sollte der sich nur austoben. Diesen Verbrecher geschnappt zu haben, würde seine Beziehungen zur örtlichen Polizei mit Sicherheit beträchtlich aufbessern. Nach und nach verbarrikadierte er den Eingang mit allerlei Gartenmöbeln und Stöcken. Der Eingesperrte brabbelte irgendwas von einer Schande und bluttrinkenden Schneehasen. Dieser geisteskranke Bösewicht würde die Gegend kaum noch terrorisieren können, wie er es bisher höchstwahrscheinlich gemacht hatte. Die Lücken in der Schutzversiegelung füllte Ginsbert mit angefeuchtetem Lehm und Sand. Alles klopfte er glatt. Danach verließ er das in herbstlich grauem Licht versinkende Gärtchen. Trotz seiner großartigen Tat beschloß Ginsbert auf eine Meldung im Polizeirevier zu verzichten, er traute den Burschen nicht. Lieber ging er auf die Suche nach seinem Schneehaus.