Ginsbert spioniert

Erleichtert betätigte Ginsbert die Spülung. Beim Händewaschen tauschte er ein paar unverschämte Blicke mit der grimmig dreinschauenden Frau aus, die hier in blauem Dress mit Handschuhen und Schürze angetan, die Mülleimer leerte.

Ginsbert war nämlich heute vormittag unbedarft die Geschäftsstraße im Banken- und Versicherungsviertel hinuntergeschlurft, als ihn plötzlich mit ungeahnter Dringlichkeit das Gefühl überfiel, eine Toilette aufzusuchen. Da er in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen damit gemacht hatte, einfach so an einem Schaufenster alles laufen zu lassen, hatte er kurzfristig beschloßen, stattdessen die Örtlichkeiten in diesem edel aussehenden Glas- und Stahlhochhaus auszuprobieren. An dem schlafenden Pförtner hatte er sich mit der Ausrede, seiner kleinen Schwester ihr Pausenbrot bringen zu müssen, vorbeigemogelt und dann schnurstracks den Aufzug in die siebzehnte Etage, die höchste, genommen. Dort hatte er direkt neben der Teeküche die sanitären Einrichtungen gefunden, und nach dem Verlassen derselben, blickte er jetzt neugierig auf die großen dunklen Türen am Ende des langen dunklen Ganges, dessen roter Teppichboden teuerstes Ambiente vorzugeben schien, und auf dem er jetzt gemessenen Schrittes entlangschlich.

Vorsichtig öffnete Ginsbert die schmutzige gußeiserne Tür. Sie öffnete sich in einen großen Raum, ausgelegt mit dem gleichen roten Teppichboden. Der Raum wurde beherrscht von einer langen Tafel, an der viele Männer in teuren Anzügen saßen. Etwas erstaunlich fand Ginsbert die Tatsache, daß auch die Angestellte des Reiningungsservice, die er vorhin getroffen hatte, in einem der bequemen Ledersessel am Tisch Platz genommen hatte. In der Ecke links von Ginsbert erspähte er dafür einen grauhaarigen Anzugträger, der dort zusammengekauert hockte, und ab und zu mit den Schultern zuckte, den Blick aber nie vom Boden erhob. Ein anderer Anzugträger erhob sich jetzt vom Tisch und ging zu einem etwas entfernt vom Kopfende der Tafel plazierten Whiteboard und begann zu schreiben. Ginsbert verstand die Wörter, aber nicht den Zusammenhang, in dem diese geschrieben wurden. Wurde er hier Zeuge einer Verschwörung? Die anderen Anwesenden verfielen häufig in heftige Diskussionen, bei denen es um strategische Papiere, neuartigen Gartengeräte, manchmal gar um seltene Strukturpläne ging. Besonders lebhaft beteiligte sich auch die Putzfrau am Gespräch, machte belesen wirkende Einwürfe und argumentierte freudig oder wütend mit. Ginsbert versicherte sich nochmal der Tatsache, daß sie es gewesen war, die er gerade beim Kloputzen überrascht hatte.

Das Gespräch an der Tafel nahm eine entscheidende Wendung. Die Putzfrau hatte sich gerade mehrere Minuten mit einem älteren Herren in dunkelblau um etwas gestritten, was Nachhaltigkeitsanalyse genannt wurde. Jetzt fuhr sie eben dieser Mann an, was denn überhaupt dieser lächerliche Auftritt solle, man könne sich ja gar nicht auf die Sache konzentrieren, er würde sich jetzt von dieser lächerlichen Farce verabschieden. Dann könne er gleich fortbleiben, er sei gefeuert, antwortete die Frau mit der gelben Schürze. Sie könne ihn gar nicht feuern, erwiderte dieser, wobei ihm der Mann am Whiteboard nickend zustimmte. Worauf sie dann nur diabolisch grinsend sagte, sie könne sich schon vorstellen, daß sie genügend Material zusammenhabe um ganz oben, ihr ausgestreckter Zeigefinger deutete hierbei tatsächlich zur Decke, eine Kündigung zu erwirken. Worauf der Mann sich erst wieder setzte, dann aber eine trotziges Gesicht machte, sich wieder erhob, den Blick zwischen der Frau am Tisch, die jetzt auch aufgestanden war und dem kauernden Mann hin und her wandern ließ, und den Raum Richtung Tür durchquerte. Er verschwendete keinen Blick auf den hinter einem Gummibaum versteckten Ginsbert, sondern öffnete die Tür, und konnte es sich offenbar nicht verkneifen, sie laut knallend hinter sich zu schließen. Nach einem Moment peinlicher Stille räusperte sich die Putzfrau, zornesrot, weil sie ja irgendwie teilweise wohl auch den Kürzeren gezogen hatte, und ging zu der zuckenden Gestalt in der Zimmerecke. Bei dem was jetzt geschah wagte Ginsbert es kaum, seinen Augen zu trauen. Die Frau packte den Mann am Kragen, und begann ihn ohne große Mühe durch den Raum zu zerren. Der Mann wehrte sich nicht, aber erstmals war Ginsbert ein Blick auf sein Gesicht vergönnt. Es hatte die Züge eines Mannes mittleren Alters, aber sie waren von Wahnsinn gekennzeichnet und außerdem zog sich eine dunkle Spur, wie von einer Verbrennung von der rechten Schläfe schräg hinab bis zum Kinn, das Fleisch war dort aufgequollen und rot und warf Blasen. Der Wahnsinn spiegelte sich vor allem in den schmerzvoll geweiteten Augen und dem zuckenden Öffnen des Mundes, wobei derjenige Teil, welcher sich auf der verbrannten Seite befand, alle paar Zuckungen zusammenklebte, und das geschundene Fleisch unnatürlich dehnte. Dieser Mann mußte Schmerzen haben. Die resolute Frau indes zeigte keine Gnade. Unter den erstaunten Blicken der anderen Anwesenden, zog sie den Armen durch den ganzen Raum, bis hin zu der gewaltigen Fensterfront am Ende des Raumes. Dort öffnete sie eines der Glaspanele, wie zum Lüften, obwohl das wegen der Klimaanlage nicht vorgesehen war, und entgegen der Tatsache, daß jeder wußte was sie vorzuhaben schien, hinderte niemand die Frau daran, diesen verletzten Mann aus dem Fenster zu werfen. Nach der Tat, rieb sie sich die Hände, trat auf dem Weg zu ihrem Sessel noch aus purer Boshaftigkeit das Whiteboard um, und erspähte kurz bevor sie sich setzen wollte, den sich rückwärts aus dem Raum zurückziehenden Ginsbert, dem das alles zu viel wurde. Dieser verschwendete keine Zeit, zog die Tür knallend ins Schloß und rannte was das Zeug hielt. Er beschloß, in Zukunft nicht mehr aus reinem Harndrang fremde Bürogebäude aufzusuchen.