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03/10 2006
Ginsbert auf der Jagd
Die Geschichte mit den Brötchen begann an einem Samstag. Der Blutdurst in ihm war ungestillt. Vorsichtig nahm er sein Maschinengewehr aus dem Schrank über dem Waschbecken, und lud es gewissenhaft. Er putzte seine roten Jagdstiefel, striegelte sein Jagdpony Roswitha-Ulf und scheuchte die Nilgansküken von seinem Jagdanorak. Sie hatten es sich dort gemütlich gemacht in den weichen Daunen, die sie an ihre Eltern erinnerten, welche Ginsbert letzte Weihnachten geschlachtet hatte. Besser die Kleinen erführen niemals, daß er ihre Eltern dann auch noch im Ofen vergessen hatte. Es hatte dann stattdessen Chicken McNuggets gegeben, und die verbrannten Kadaver waren auf dem Kompost gelandet.
Aber jetzt war Ginsbert also jagdbereit.
Es dauerte eine Weile bis Ginsbert das erste Brötchen sah. Es handelte sich eines dieser urtümlichen Exemplare, wie sie angeblich schon Homo Erectus hergestellt hatte, im Grunde genommen ein Teigfladen mittlerer Größe und faden Geschmacks. Ginsbert hatte Mitleid und schnappte sich das Brötchen. Gemäß alter Waidmannstradition teilte er dieses erste Jagdopfer mit seinem treuen Pony. Offenbar war es kein gewöhnlicher Brötchenfladen gewesen, sondern ein drogengetränktes Sonderexemplar. Mist, Ginsbert waren die Aufenthalte in der Entzugsklinik langsam lästig geworden. Immer wenn sich sein Körper gerade an eine Droge gewöhnt hatte, wurde er von Sozialarbeitern in eine dieser handgezimmerten Höllen gesteckt. Auf Wasser und Brot und ohne Licht zum Atmen.
Ein Zugvogel kam gerade vorbei. Lustig zwitschernd flog er chinesische Schriftzeichen in die Luft und verbrauchte dabei gewaltige Mengen Plutoniums, was man an dem schimmernden Giftschweif erkennen konnte, den er hinter sich her zog. Roswitha-Ulf wurde dadurch offenbar wütend und kletterte eine korallenartige Felsformation hinauf, die sich hier im Stadtforst eher zufällig herumtrieb. Sie musste bei der letzten Eiszeit übrig geblieben sein, als dieses Land religiöses Zentrum eines unterseeischen Königreichs von dreiflossigen Krötenmumien gewesen war. Das Pony biß, und kämpfte, bis es die Spitze erreicht hatte. Ein Mann in einer grünen Uniform wollte es festhalten, doch Roswitha-Ulf war durch das Drogenbrötchen stark wie ein Löwe geworden, und riß den dabei unfreiwillig komisch wirkenden Beamten in Stücke. Ginsbert beschloß, dies für eine Drogenhalluzination zu halten, und – notfalls auch vor Gericht – davon auszugehen, daß es sich bei der Gestalt, die er für einen grün gekleideten Beamten gehalten hatte, wohl eher um einen zu groß geratenen Kuckuck gehandelt habe. Jetzt freilich mußte er zunächst einmal diesem stinkenden Chinavogel entkommen, der wahrscheinlich vom dem verkohlten Nilganspaar geschickt worden war.
Seine Flucht währte Stunden und Stunden. Vorbei an tristen Straßenlaternen, die ihm träge grüßten, und über die halbverwesten Leichname längst verdrängter Schulgeschichten, die sich drängend und pulsierend in sein Bewußtsein drängten, hervorgekramt von den Chemikalien dieser vermaledeiten Urmenschen.
„Homo erectus, ich verfluche dich!“, schrie Ginsbert. „Deine Brötchen sind der letzte Scheiß!“ Er hatte jetzt keine Angst mehr. Schnappte sich verwirrt schauende Großmütter, die im Real einkaufen gingen, und trat benommen nach kichernden Teenagern, in deren glitzernden Augen er nur den Hass vergangener Jahre sah. Sie alle waren für ihn wie Homo erectus, Übeltäter der schlimmsten Sorte. Er stampfte und fluchte, verlangte nach dem Geschäftsführer, nur um - als er endlich kam – reißaus zu nehmen. Darauf war er noch nicht vorbereitet, denn sein Maschinengewehr hatte er in der Satteltasche gelassen. Eine Flasche Milch mußte es auch tun. Bis zum letzten Atemzug wollte er kämpfen, niemals aufgeben. Doch sie drangen zu Tausenden und Abertausenden auf ihn ein, riesige Yoghurtbecher, homosexuelle Schnittkäsepackungen (auf jeden Fall waren sie rosafarben) und debil glubschendes Federvieh. Er hatte keine Chance.
Wie so oft endete Ginsbert Abenteuer in einem Krankenhausbett. Andererseits war da wieder diese reizende Schwester. Und ein Verbrechen hatte er – seines Wissens – heute auch nicht begangen. Ein guter Tag. Aber nie mehr Brötchen.
(von Georg Szwillus)