Ginsbert und die Gasturbine

Eine Gasturbine zeichnet sich primär durch verschiedene Funktionen aus, sekundär ist sie mehr schlecht als recht zum Telephonieren im engeren Sinne zu gebrauchen.

So – oder ähnlich – liest man es in so mancher Bedienungsanleitung. Was viele nicht wissen: Der Ursprung dieser verwirrenden Aussage findet sich in Südamerika, genauer gesagt am Amazonas.

Es war vielleicht der verschwitzteste Tag seines Lebens, und Ginsbert war total verschwitzt. Kein Lüftchen ging, um ihn zu kühlen. Die Luft war fest wie ein Schweizer Käse. Und hatte den gleichen Fettgehalt im Trockenanteil. Allerdings war die Luftfeuchtigkeit hier ganz beträchtlich.

Um sich dennoch etwas Abkühlung zu verschaffen, trank Ginsbert etwas Lianensaft.

Vierzehn Tage später erwachte er in einem Krankenhausbett.

Die Krankenschwester gefiel ihm. Und man kann zeigen, daß dies keinesfalls nur an den bewußtseinsverändernden Medikamenten lag, unter deren Einfluß Ginsbert stand, die Krankenschwester hatte in der Tat ein gewisses Etwas. Lag es in ihrem beschwipsten Gang, ihrer holprigen Art den Essensrollwagen über das Linoleum zu bugsieren? Oder waren es vielleicht ihre kindgerechten Glubschaugen, deren Tiefe Ginsbert ausloten konnte, wenn die Schwester ihm die Tabletten mit einer Mund-zu-Mund-Technik verabreichte, wie sie es in der katholischen Schwesternschule in Niederbayern gelernt hatte?

Ginsberts Gedanken waren hingegen – im Gegensatz zu seinen animalischen Instinkten - die ganze Zeit mit Gasturbinen beschäftigt. Ein faszinierendes Feld, was selten ausreichend beackert wurde. Es war ihm durchaus bewußt, daß andere seine Bedenken und Zweifel für frevelhaft hielten, eventuell ihm gar die Pest an den Hals wünschten, doch dennoch ließen sie Ginsbert nicht mehr los. Was sollte er nur tun?

Felsenfest war er von der Bösartigkeit der Gasturbinen überzeugt. Wie anders konnte man erklären, daß sie einem ständig in allen Lebenslagen begegneten? Hielt man Augen und Ohren geöffnet, war ihre ständige Präsenz geradezu beklemmend. Man konnte sie in Aufzügen finden, in edlen Hotellounges und in engen Radiosenderaufnahmekabinen, sie waren auf Hinweisschildern und Parkbänken, scheinbar zufällig stieß man in Minenschächten und Kinderzimmern auf ihre sterblichen Überreste – sogar im Essen konnte man ihre Rückstände aufstöbern, wenn man die richtige Ausrüstung hatte.

Zwar hielt er Bedenken, Gasturbinen wollten die Milchproduktion des Landes unter ihre Kontrolle bringen, für übertrieben, doch die ein oder andere Kuh hatten sie mit Sicherheit auf dem Gewissen.

Eines Nachts – die Krankenschwester hatte ihm gerade die ausgiebige Nachtdosis an Psychopharmaka verabreicht – schlich sich Ginsbert aus dem Krankenhaus, mit einer Decke und einem Telephon notdürftig als Katze verkleidet.

In einem OP-Saal stahl er diverse Fleischermesser und Tupfer.

Ginsbert zog von Bauernhof zu Bauernhof. Zumindest die Seelen dieser Kühe würden die Gasturbinen nicht bekommen.

(von Georg Szwillus)