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23/10 2006
Ginsbert erwacht
„Puh! Jetzt erst einmal eine Tasse Tee!“, dachte sich Ginsbert fröhlich. Daß das natürlich kein gutes Ende geben würde, war ihm von Anfang an klar. Ein Butler in einer lustigen Aufmachung betrat den Raum. Er schien Ginsberts Gedanken gelesen zu haben, denn er hatte ein kleines Tablett mit einer dampfenden Tasse dabei. Das jedoch bedrückende seiner Aufmachung war vielmehr seine dreckige Uniform, die aussah, als sei sie selbstgestrickt. „Selbstgestrickt?“, fragte Ginsbert frech. Und bekam seine Antwort prompt: „Nö.“ - „Puh! Jetzt erst einmal eine Tasse Tee!“, dachte sich Ginsbert verdutzt. Mit einem Griff schnappte er sich die glühend heiße Tasse und trank das Gebräu mit einem Zug aus. Tee? Wohl kaum. Aber zumindest keine Buchstabensuppe, wie letztens bei seiner Tante, dem stinkenden Monster. Ach, wie er sie hasste. „Wie soll ich zu dieser Heiratsmusik denn in Ruhe meinen Tee trinken?“
Ohne lange zu zögern rannte Ginsbert auf die menschenleere Straße und riß eine glücklich in die Gegend stierende Frau aus ihrer Umarmumg mit einem frettchenhaften Ungetüm, das angeblich ihr Sohn sein sollte. So ein Unsinn. Diese Frau war schön, wie ein Haus am Titicacasee und dieses Kind war von so einer erbärmlichen Häßlichkeit, uuh, es schüttelte ihn. Andererseits .. vielleicht lag das auch daran, daß er ja nicht schwul war. Ich brauche eine Waffe rief Ginsbert ihnen entgegen, schnell ich habe Angst. Bringt mir etwas Schweres, etwas spitzes, etwas lautes, zumindest sollte es von einer gewissen Scharfzüngigkeit sein, vielleicht eine Michael Jackson CD. Die Straße war leer. Keine Frettchen mehr in Sicht.
Aber was war das? Ein Zug von Leichen bahnte sich den Weg aus dem gegenüberliegenden Supermarkt. Und da war der Butler mit seiner selbstgestrickten Uniform. Sollte der doch erzählen, was er wollte. Diese Uniform war selbstgestrickt. Und sie war dreckig, so dreckig, daß er die Mikroben darauf über Ginsberts schlecht sitzende Frisur lästern hören konnte. Ahhhhh. Diese Mikroben. Er wollte sie zerschmettern, fressen, zerstören. Flugs packte Ginsbert, das nächste, was er zu fassen bekam und schlug mit aller Härte auf die Mikroben ein. Doch dann drangen die Toten auf ihn ein. Schmissen ihn herum, verbrannten seine Aufzeichnungen und schrien ihm anzügliche Nettigkeiten ins Ohr. Ginsbert versuchte im schleimig, teerigen Asphalt zu versinken, doch es gelang ihm nicht. Dreckige Münder tropften weiter blutig in sein Ohr, die Kleinsten unter den Monstern rissen ihre Kleidung in Fetzen und bedeckten ihn mit den Resten. Verseuchte Wolle. Es gab kein Entkommen. Dann senkte sich ein dichter Schleier über Ginsbert.
Der nächste Morgen brachte kein Erwachen. Ginsbert war vielmehr in einer schrecklichen Alptraumwelt gefangen, die ihn sehr verärgerte. Zwar lag er in einem Bett mit einem strahlend weißen Laken. Draußen spielten Kinder an einem See mit einem toten Schwan. Die Luft war erfüllt von Blütenduft und Grillengezirp. Die Vögel trillerten und pfiffen, als würde es kein Morgen geben, als wären sie in einem ewigen Brautwerben gefangen und würden niemals Kinder kriegen. Die Tapete in dem Raum war ziemlich weiß, nur hie und da ein paar Blutspritzer und etwas Gehirn. Auf dem polierten Edelholznachttischchen neben ihm stand eine kitschig schöne Spieluhr mit einem triefend nassen kleinen Mädchen, welches sich, davon war auszugehen, im Kreis drehte, wenn man die Spieluhr aufdrehen sollte. Wovon Ginsbert wohlweislich absah.
Ein baufälliges Huhn betrat den Raum, wohl um ihn zu erkunden. Es steckte seine schnabelhafte Nase überall hin. Und fingerte in Ginsberts Unterwäsche herum, daß es unschöner nicht sein konnte. Er mußte diese Kreatur aufhalten. Aber Gewalt schied aus, weil er seine Arme und Beine nicht bewegen konnte. Moment. Sie waren weg. Man hatte ihm die Arme und Beine abgeschnitten. Und den Unterleib noch dazu. Oder? Egal. Ginsbert stand auf, schleuderte das verfluchte Bettlaken beiseite und wickelte das dumme Huhn darin ein. Es gackerte und pickte, aber das war ihm egal. Ginsbert hatte in seinem Leben schon so manchen Vogel massakriert, da käme es auf den ein oder anderen weiteren wohl kaum an. Die Leiche würde er dann den Kindern draußen zum Spielen geben, dann hätte ihr Barbie Schwan ein Ken Huhn. Und sie würden die beiden, so wie es Ginsbert früher getan hatte, lustige Tänze zusammen aufführen lassen, bis sie total vermodert wären.
Das Gackern wurde leiser. Ein dunkler Verdacht beschlich Ginsbert. Was, wenn dies gar kein gewöhnliches Huhn wäre. Ein Mensch gar in Hühnerkostüm, oder schlimmer noch ein Buchhälter. Nicht ohne Grund war das Huhn als erstes zu Ginsberts Unterwäsche gestürmt. Irgend jemand mußte diesem Buchhalter, oder wie man ihn nennen sollte, verraten haben, daß dort immer sein ganzes Bargeld aufbewahrt wurde. Immer. Seine ganzen Ersparnisse. Er verkniff sich einen Gedanken an das Luxushaus in Malibu, was er sich davon eigentlich kaufen wollte. Und sah nach. Tatsächlich. Alles weg. Das ganze Geld. Kein Cent mehr in der Unterhose. Was ihm als erstes einfiel, das machte er auch. Er nahm das Huhn aus. Irgendwo mußten seine Ersparnisse stecken. Jedes einzelne Organ wollte er durchleuchten. Notfalls sogar roh verspeisen, bis er auf Gold biss. „Ich hätte diesen verdammten Tee nicht trinken sollen.“, dachte er sich, etwas spät.
Stunden später erwachte Ginsbert in einem glitschigen Haufen Eingeweide. Sein Kopf war wieder klar. Er schaute sich um. Ein schmales Bett, ein blutiges Bettlaken, ein Fenster, aber draußen war es dunkel. Ach ja, und die Eingeweide um ihn herum. Das war natürlich nicht das erste Mal, daß ihm so etwas widerfuhr. Diesmal waren die Überreste glücklicherweise so verstreut und beschädigt, daß nur ein Zoologe noch entscheiden konnte, ob dies Mensch oder Tier war, worin er geschlafen hatte. Oder ein Forensiker. Oder jeder andere. Ginsbert floh allerdings lieber in selbstauferlegte Unkenntnis. Dies hatte sich vor Gericht bisher immer besser gemacht. Neben ihm befand sich eine Tür. Vorsichtig öffnete Ginsbert sie einen Spalt breit. Da waren Menschen. Eine Frau, mehrere Kinder. Sie saßen an einem Tisch und aßen etwas aus einem Topf. Ginsbert befürchete das Schlimmste und beschloß von diesem kannibalischen Ort zu türmen. Vorsichtig schloß er die Tür wieder, nahm Anlauf und sprang aus dem Fenster. Schnell rannte er in den Wald und fand in der Dunkelheit bald einen Jagdausguck. Er kletterte hoch und machte es sich in dem offenen Holzverschlag mit ein paar Wiesenkräutern, etwas Dreck und einem großen runden Stein schön gemütlich.„Puh! Jetzt erst einmal eine Tasse Tee!“, dachte sich Ginsbert unentschlossen.
(von Georg Szwillus)