In der Backstube

Der Backfisch roch leicht gallig. Der Kommissar begutachtete gerade ein kleines Stückchen Fisch, das auf einer fettigen Arbeitsbank vor sich hin gammelte. Dahinter aufgebaut fand der findige Vierzigjährige viele verwirrende Apparaturen: ein Erlenmeyerkolben steckte auf einem Plastikrohr, wie es der Kommissar aus seiner Zeit bei der Sitte bestens kannte. Im Rotlichmilieu benutzte man solche Rohre um Verbindungen von einem Waschbecken zu einem Abwasserablauf in der Wand herzustellen. Dieses Plastikrohr indes war beklebt mit seltenen Panini-Sammelbildern, sogar Maradonna fand sich schlank und rank am oberen Ende. Keine drei Zentimeter daneben war kiloweise Briefpost in das andere Ende des Rohres gestopft. Doch dieses Konstrukt war sicherlich nicht das absonderlichste. Unter einer spitzenverzierten Wohnzimmertischdecke versteckte sich ein kleiner Haufen Sperrholz mit dem die gigantisch anmutende Maschinerie darüber mit Strom versorgt wurde: Ein aus allen Fugen stinkendes Stahlmonstrum erstreckte sich bis zu der fünf Meter hohen Decke. Ein Gewirr aus Stutzen, Ventilen, Hähnen, Zylindern, Druckanzeigen und Tropfschutzmaßnahmen breitete sich hier über mehrere Quadratmeter aus. Direkt vor dem Kommisar fand sich ein offenes Holzfass, in das aus einem mit öligen Lappen geflickten Hahn eine bläuliche Flüssigkeit tropfte. Für einen Moment sah sich der Kommissar versucht, einen Schluck des verlockenden Saftes zu sich zu nehmen, rief dann aber nach Fräulein Hübner und ließ ihm den Vortritt.

Unterdessen drei Stunden zuvor an der gleichen Stelle:
Der Backfisch schmeckte leicht gallig. Ginsbert leckte gerade vorsichtig an einem kleinen Stückchen Fisch, das auf seiner heißgeliebten Arbeitsbank vor sich hin gammelte. Wann war nur endlich dieser verfluchte Gin fertig? Oben warteten seine Gäste bestimmt schon zwei Stunden auf das vollmundig versprochene Spezialgetränk, und Ginsbert konnte sie nicht mehr ewig mit Anekdoten hinhalten, die er mit Bauchrednerstimme vorführte, als wären sie von seiner imaginären Kuckucksuhr gesprochen. Die letzte war zwar so gut gewesen, daß sie ihm vielleicht noch fünf Minuten gewonnen hatte, aber es hatte sich um seine Geheimwaffe gehandelt, eine Liebesgeschichte auf einer Nordatlantikinsel mit Feen und Geistern und einer schwangeren Weihnachtsglucke.

Tropfen für Tropfen füllte sich das modrige Holzfass. Aber etwas hatte sich verändert. Vorsichtig steckte Ginsbert seinen Kopf in die Flüssigkeit und versuchte zu trinken. Hustend und spritzend zuckte er zurück, stolperte, warf einen Stuhl um und vergaß die ganze Sache. Es war schlimmer als er zugeben wollte. Ohne mit der Wimper zu zucken kletterte er über die Leiter auf einen viereinhalb Meter hoch gelegenen schmalen Sims aus Holz und zwängte sich durch eine schmale Kellerluke auf den Asphalt der Straße, die direkt an das Gebäude grenzte. Seine Gäste sollten sehen, wo sie blieben. Er machte sich besser aus dem Staub. Wenn es stimmte, was er gerade eben in dem Fass getrunken hatte, dann war die Polizei ohnehin schon auf dem Weg.

(von Georg Szwillus)