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Ginsbert fordert Gerechtigkeit [römisch null]
Siebzehnhunderttausend grünlich pulsierende Pferdchen tanzten über die Krankenhauszimmerdecke. Eines wurde größer und begann zu singen. Gebannt starrte Ginsbert in die Luft, unfähig etwas anderes zu denken als Horror. Dabei gab es bereits letzte Woche enorme Fortschritte. Seine Augen tränten und brannten. Bei Zeus, dachte er verloren. Wann ist endlich diese Nacht vorüber. Und dann dieser trällernde Gaul. Das ist ganz einfach Wahnsinn, alles Wahnsinn. Es gibt keine Probleme, noch nicht einmal ansatzweise. Wenn doch das Gebäude einfach Feuer finge, dann wäre vieles einfacher. Doch diesen Gefallen tat ihm das Haus natürlich nicht. Andererseits hatte er damit auch nicht wirklich gerechnet. Die Tapete löste sich von der Decke. Wahrscheinlich durch das ganze Hufgetrappel. Wer tapeziert schon gerne die Decke? Über Kopf tropft der Kleister ins Gesicht. Oh diese Schmerzen in den Augen. Wer auch immer. Was war denn das? Die Pferdeherde hatte sich aus dem Staub gemacht. Statt ihrer fand sich eine Art sumpfiger Pfannkuchen dort ein. Auch er ein begeisterter Sänger. Leider kein guter. Die Schmerzen wanderten in den Kopf. Und dann diese Gedanken. Dieser Hass und das Verlangen nach Ruhe. Aber warum eigentlich nicht? Dennoch versuchte Ginsbert aufzustehen. Es gelang ihm freilich nicht. Jemand hatte ihn an sein Bett gefesselt mit chromblitzenden Stahlseilen. Gut, bisher hatte alles ansonsten funktioniert. Dementsprechend unbeeindruckt auch Ginsberts Reaktion auf den singenden Fladen. „Wann gibt man mir endlich die Freiheit“, schrie es rappelnd von einem anderen Bett. „Bald“, flüsterte Ginsbert zurück. Und wenn alles nur eine Einbildung war? Andere Gefangene? Lächerlich! Alles eine finstere Farce. Unbedeutend und verlogen. Sie hatten die Dosis mal wieder erhöht. Der Druck hinter seinen Augen nahm Ginsbert langsam seine Sicht. Tapetenreste platschten auf sein Bett. Kleister rann hinunter an Laken und Bettgestell, verband sich auf dem Boden mit Pisse und Kotze. Dort schwieg der Pfannkuchen; ganz und gar nicht seinem Naturell entsprechend. Tenöre waren heutzutage ja schwer zu bekommen. Und dieses feuchte Gefühl in den Ohren, war das Wasser, Kleister oder Blut? Ginsbert versuchte sich auf sein Gehör zu konzentrieren, doch es mißlang, die Schmerzen pulsierten wieder stärker. Alle Geräusche verstummten, nur das Knirschen der eigenen Neuronen im Hirn glaubte er zu vernehmen. Wie Sandkörner rieselten sie übereinander her, fragten und antworteten, es war ein schauerliches Geknirsche. Etwas Staub geriet in seine Nasenhöhle, und löste einen Niesreiz aus, der nicht zu befriedigen war. Scharf sog er Luft ein, sein Brustkorb zerbrach in lauter spitze Knochensplitter. Schlurfende Schritte entfernten sich. Zumindest konnte er jetzt wieder hören. Draußen, das Bellen eines kleines Hundes vernahm Ginsbert deutlich. Draußen? Alles Lüge! Konstrukt! Ein Fenster hatte der Raum nicht, nur in der verstärkten Tür zum Gang. Ein Licht ging dort aus. Nach und nach erschienen jetzt auch die grünen Pferdchen wieder. Aber bevor sie alle ihre Bühne betreten hatten, hatte Ginsbert irgendwie die Besinnung verloren.