Ginsbert macht Ernst

Kaschroing! Mit diesem wenig Vertrauen erweckenden Geräusch trat Ginsbert auf den Maulwurfshügel. Was dieser Gauner wohl diesmal schon wieder dort verborgen hatte? Langsam drückte er sein Gesicht in die schlammige Erde und hoffte einen Blick auf den Übeltäter erhaschen zu können. Aber dieser war, blind wie ein Maulwurf zwar, aber flink wie ein Maulwurf auch, durch die Erde entschwunden. Womöglich bereits heute früh. Wenig erbaut griff Ginsbert nach den Einzelteilen seines Handys, die er hier aus dem Humus wühlen konnte. Technisch gesehen war es gar nicht sein Handy gewesen, sondern er hatte es gestern nicht weit von hier entfernt, jenseits des holzwürmigen Bretterzauns einer Passantin mit großer Wucht aus der Hand geschlagen, die hier direkt auf seiner Straße öffentlich telephoniert hatte. Da hörte für Ginsbert einfach der Spaß auf. Da hatte Ginsbert wirklich mal Ernst gemacht. Natürlich hatte er sofort vermutet, es handele sich um einen Sabotageakt. Die Russen hatte er sofort gedacht, die Russen. Ein Anruf beim Konsulat hatte dann später ergeben, daß dieser Verdacht unbegründet gewesen war, aber dennoch konnte Ginsbert schließlich nicht alles durchgehen lassen. Danach war es die gleiche Prozedur gewesen wie immer. Polizei wurde gerufen, Ginsbert festgenommen, durchsucht (Leibesvisite!), entwaffnet (er hatte stets einen voll funktionsfähigen Kuckuck dabei), in Handschellen zum Revier gefahren (die Polizisten hielten sich immer die Nase zu im Auto, und die Fenster wurden aufgemacht), verhört, für unschuldig befunden, freigelassen, und dann ging Ginsbert gewöhnlich nochmal rein und fragte den Kommissar nach dem Rückweg, was dieser unter Verweis auf das Tierschutzgesetz niemals konkret beantwortete, sondern stets enigmatisch verrätselt, unter Aufbietung aller darbieterischen Fähigkeiten, in Liedform preisgab. Nein, im Ernst: eigentlich war der Kommissar sehr hilfsbereit und Ginsbert wurde sogar stets wieder mit dem Streifenwagen nach Hause zurückgefahren, offene Fenster inklusive, wenn auch nicht mehr handbeschellt.

In Büchern liest man immer von Dynamit als geeignetstem Instrument der Maulwurfsjagd, aber davon hielt Ginsbert nicht sonderlich viel. Eigentlich hielt er ohnehin nicht viel von Maulwürfen. Deswegen hatte er aus allerlei „leckeren“ Ingredenzien eine Art „Geburtstagskuchen“ für das wühlklauige Nagetier „gebacken“. Hähä! Nicht mit Ginsbert, mein Freund. Statt Eiern und Schmalz, Zucker und Salz, Milch und Mehl, gel' machendem Safran hatte Ginsbert auf die ekligsten auffindbaren Zutaten zurückgegegriffen: Eidechsen, Käfer, Larven und viele Würmer. Das würde dem grabenden Gauner schon zeigen, wer hier das sagen hatte. Har Har! Jeden Tag würde er nun einen solchen Kuchen backen, der Maulwurf mußte dann denken, er habe Geburtstag, freute sich über das Geschenk und bekäme dann heftigste Kotzkrämpfe, wenn er das Naschwerk anschnitte und aus Höflichkeit essen mußte. Die selbe Taktik hatte Ginsberts Tante angewendet als sie keinen Bock mehr auf die Ausübung des Sorgerechtes hatte. Morgens kroch sie dann in Gummistiefeln auf dem Komposthaufen herum, ab und an einen freudigen Schrei tätigend, wahrscheinlich wenn sie einen besonders widerlichen Wurm entdeckt hatte, und nachmittags nach der Schule gab es dann Geburtstagskuchen. Zwar hatte sich Ginsbert nach ein paar Wochen daran gewöhnt, aber es kamen zunehmend weniger Klassenkameraden zu den täglichen Feierlichkeiten. Vielleicht hatte sie der Anblick der von Kerzenhaltern durchbohrten Käferlarven auf Dauer verwirrt. Die Tante hatte es dann in eine Art Pflegeheim verschlagen, wo sie noch heute niemals zum Küchendienst eingeteilt wird.

Viel bleibt nicht mehr zu schreiben. Ginsbert und der Maulwurf wurden gute Freunde, letzterer wurde noch siebenhundert Jahre alt.

Und so hatte Ginsbert irgendwie doch wieder nicht Ernst gemacht.

(von Georg Szwillus)