Ginsbert als Forstberater

Es war stockdunkel im Stadtforst als Ginsbert mit geschlossenen Augen den breiten, plattgewalzten Hauptweg entlang schlich. Er hatte etwas Unerwartetes gehört und wollte sich konzentrieren. Hochaufmerksam lehnte er sich an einen borkigen Baum, legte die Hand um seine linke Ohrmuschel und lauschte. Doch es war sein anderes Hörorgan, welches ihm die panikerfüllte Aufforderung übermittelte, zusammen zu zucken und aufzuschrecken.
"Entschuldigung, wissen Sie, ob gerade Jagdsaison ist?", sagte eine hölzerne Männerstimme.
Ginsbert wandte langsam seinen Kopf, die Augen wieder geöffnet. Entgeistert starrte er das junge Pärchen an, Männchen und Weibchen, das dort in enganliegenden schwarzen Jeans halb hinter ihm stand.
"Wegen der Schüsse, die wir grad' gehört haben." Diese Worte kamen von der Frau, dünnlippig und tendentiell unangenehm schrill. Ginsbert fühlte sich in die Ecke gedrängt, verengte die Augen zu Schlitzen und positionierte sich vor dem Baumstamm. Er schürzte die Lippen, wollte gerade zu sprechen ansetzen, da wurde er von dem Mann unterbrochen.
"Ich glaube ja nicht, dass es wirklich Schüsse waren. Hier sind doch lauter Spaziergänger." Bei diesen Worten gestikulierte er ausholend in der Gegend herum. Wo er hindeutete waren keine Spaziergänger zu sehen. Nur Ginsbert konnte in gewisser Entfernung eine Figur erkennen, die durch das Unterholz schlich.
"Stimmt, man weiß gar nicht, wo man hintreten soll, vor lauter 'Spaziergängern'", sagte die Frau. Auch sie konnte die andere Person nicht sehen, wandte ihr den, vielleicht hübschen, Rücken zu. Ginsbert störte sich weiterhin an der Stimme der Frau, etwas klingelte bei jedem 'e' und 'i'. Der Mann warf ihr einen torfigen Blick zu, und verkündete seine nächsten Worte in weiten Bögen.
"Jetzt gerade hier vielleicht nicht, aber trotzdem, in diesem Wald gehen viele Leute spazieren. Eltern mit Kinderwagen. Leute, die mit ihrem Hund gehen."
"Oder ihrer Katze", merkte Ginsbert an. Er registrierte, dass es seine ersten Worte in dieser Konversation waren.
"Wie dem auch sei", nahm der Mann angedeutet kopfschüttelnd seinen Faden wieder auf, "niemand wird im Stadtforst zu dieser Zeit auf Jagd gehen, oder?" Er schickte Ginsbert einen fragenden Blick. Dieser wollte den Fremden nicht enttäuschen, der in ihm eine Art Waldkapazität zu sehen schien und antwortete ... etwas:
"Der Boden ist zur Zeit ziemlich matschig, wie Sie sehen." Dabei deutete er auf seine schlammverkrusteten Gummistiefel, denen man nicht mehr ansah, dass sie, weit unter der Oberfläche verborgen, eigentlich rosa waren. "Die wilden Brombeeren haben dieses Jahr reichlich getragen, aber Füchse hat man nur selten gesehen. Das heißt natürlich nicht, dass es hier keine Füchse gibt, aber..." Ginsbert hielt inne. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass seine Antwort nicht zufrieden stellte. Die junge Frau wirkte nervös, ihr war dieses Gespräch vielleicht unangenehm. Immer wieder ließ sie verlegen den Blick nach links und rechts schweifen, aber nie weit genug, um der fremden Person gewahr zu werden, die im Dickicht immer näher schlich. Der Mann hingegen hatte seine Brauen zu einem finsteren Blick zusammen gezogen. Ginsbert überlegte kurz und fuhr dann fort: "... aber, die Springlinge, so nennt man die jungen Füchse, die noch gesäugt werden: Springlinge; Die Springlinge sind vorsichtig, trauen sich nicht raus. Das ist kein gutes Zeichen. Nächstes Jahr werden wir viele Füchse schießen müssen." Bei diesen Worten erhellte sich der Blick des Mannes, endlich hatte er etwas handfestes erfahren.
"Nächstes Jahr also erst? Dann hatte ich recht, es können keine Schüsse gewesen sein."
"Es waren aber Schüsse. Klar. Was denn sonst? Es waren eindeutig Schüsse." Die Frau war wütend, das sah sogar Ginsbert.
"Du hast selber vorhin gesagt, du wüßtest nicht, wo die Schüsse herkommen sollen."
"Ich hab' gemeint, ich weiß nicht, wo die Schüsse herkommen. Nicht 'herkommen sollen'. Es waren Schüsse, man konnte nur nicht erkennen, wo sie hergekommen sind."
Ginsbert zog sich währenddessen langsam hinter den Baumstamm zurück. Der Fremde, der sich dem Paar von hinten näherte, war mittlerweile in die Hocke gegangen. Er war immer noch über vierzig Meter entfernt, aber Ginsbert konnte erkennen, dass es ein Mann war und dass er eine Art Outdoorbekleidung trug.
"Wenn ich Ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenken dürfte...", setzte Ginsbert, seitlich hinter dem Stamm hervorlugend an. Die Frau wandte sich Ginsbert zu. "Ja, Sie, dass Sie einfach Füchse abknallen, finde ich eigentlich auch nicht in Ordnung, ich dachte Förster kümmern sich vor allem um das Wild, Rehe und so."
"Ach wirklich, Kathrin, du brauchst dem Mann doch nicht seinen eigenen Job zu erklären. Wenn die Füchse überhand nehmen, also die Sprünglinge, dann ist was aus dem Gleichgewicht gekommen. Darüber müssen sich die dann kümmern." An Ginsbert gewandt, fügte er hinzu: "Hab' ich recht?"
"Springlinge. Die einjährigen Füchse heißen Springlinge. Kein 'ü'."
"Wieso eigentlich?", fragte die Frau.
Ginsbert musste schwer schlucken. O je, war sie ihm auf die Schliche gekommen, diese Frau. Ginsberts Blick wanderte nach unten. Diese Schwangere? Ja, ihr Bauch war kugelrund. Er glaubte sogar, unter dem blaugrauen Sweatshirt Bewegungen ausmachen zu können. Kleine Erschütterungen, auf diese Entfernung, der Bauch war mehrere Meter entfernt, kaum auszumachen. Ginsbert hielt sie für Signale, die sich direkt an ihn richteten, ihn aufforderten zu handeln. Das Ungeborene verfügte über eine Sprache, die größere Chancen hatte, Ginsbert zu erreichen, als der brackige Wortmorast, der seinen Eltern aus den Mündern troff. Trotzdem konnte er die Botschaft nicht entziffern. Was wollte der Embryo von ihm? Er fokussierte den Blick. Kleine Bewegungen, die winzige Falten in den Baumwollstoff warfen. Ginsbert war hin- und hergerissen, zwischen dem Drang, näher zu treten und der Angst, seinen sicheren Baumstamm zu verlassen.
"Ja, ich bin schwanger," riss ihn die Frau aus seiner Konzentration, "um Ihrer Frage zuvor zu kommen. Achter Monat." Ginsbert schüttelte verdattert den Kopf. Mist, der Kontakt war abgerissen. Er verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Er musste irgendwie das Vertrauen wieder herstellen. "Sie heissen halt so", erwiderte er bestimmt.
"Wer? Was?" Verwirrt stellte die Frau den Kopf schräg.
"Die Springlinge. Sie heissen halt so. Es gibt keinen Grund. Eine Gruppe Wölfe könnte man auch einfach eine 'Gruppe' Wölfe nennen, aber man nennt sie 'Rudel', weibliche Wildschweine heissen 'Bachen' und brünftige Hirsche fortgeschrittenen Alters nennen wir 'Paukenstieber'. Alles bekommt einen eigenen Namen. Wer hat eigentlich damit angefangen, das Internet als 'Cyberspace' zu bezeichnen?" Ginsbert hatte sich ein Stück weit in Rage geredet, was ihn selbst erstaunte. Einen Moment lang waren alle still.
Es war der junge Mann, der zuerst wieder zu Worten fand: "Ich habe gehört, das war William Gibson." - "Du Nerd!" Die Frau sprach den 'ö'-Laut, wie auf halbem Weg zum 'e', es war grausam.
Entgeistert starrten sich die beiden an. Ginsbert beobachtete währenddessen skeptisch den anderen Mann, der ziemlich nahe immer noch im Gebüsch lauerte. Einen Moment lang erwiderte dieser den Blick. Ein Gefühl wie ein langes rostiges Messer durchfuhr Ginsbert. Ein Messer, dessen schartige Klinge am Handgelenk angesetzt bis zur Armbeuge hochgezogen wurde. Der kurze Schreck des Einstichs wich schnell warmer Gleichgültigkeit, doch dann kamen die Schmerzen zurück, aber nur allmählich, dafür mit kraftvoller Gewissheit. Der Augenblick war vorbei. Der Mann zog zum Glück den Kopf jetzt wieder tiefer in sein Versteck. Man konnte sehen, dass er etwas in der Hand hielt.
Ginsbert zitterte ungläubig und widmete sich wieder den beiden Streitenden. Er war froh, dass seine kleine Ablenkungsrede ihren Zweck erfüllt zu haben schien, die 'Springlinge' wurden wohl nicht weiter in Zweifel gezogen. Vielmehr hatte sein Manöver derart gut funktioniert, Ginsbert war sich keinesfalls sicher, wodurch, dass die beiden ihre ganze Umgebung vergessen zu haben schienen. Das ungeborene Kind indes spielte verrückt im Bauch seiner Mutter. In erratisch wechselnden Rhythmen trommelte es seine Nachrichten heraus in die Welt, zu schnell für Ginsbert, der allenfalls Bruchstücke verstehen konnte. "Strahlung. Klein. Stießbleiger." Wenn er nur näher herantreten könnte, und wenn er den hemmenden Sweatshirtstoff entfernen könnte. "Wand. Blutwasserbrotkerne. Hundemeute ärgert Wankelmut." Ginsbert wagte es. Er trat hinter dem Baum hervor, machte einen Schritt auf das Pärchen zu und hielt die offene Hand an den schwangeren Bauch. Einen winzigen Augenblick lang konnte er - auch durch den Stoff hindurch - klar verstehen. "Das brennende Blei zerfetzt das Blutwasser. Die Hundemeute schlingt im rauschenden Zorn. Ein Riss sendet Feuer." Mit einem Klatschen schlug die Frau Ginsberts Hand von ihrem Bauch, gleichzeitig sprang sie ein Schrittchen zurück. "Lass das, du Friiiiiiiek!" Der Mann unterstützte sie. "Was fällt Ihnen eigentlich ein. Wir ..." Er bemerkte die Angst in Ginsberts Augen. "... Wir werden ..." er schaute zu seiner Frau hinüber, die vollkommen bleich im Gesicht geworden war. Der Mann schüttelte sich. "... uns bei der Verwaltung über Sie ... Was hast du, Schatz?", er starrte ihr in die Augen und zwang dann seinen Blick wieder zu Ginsbert, "... beschweren." Ginsbert wandte sich ab, es war dumm gewesen, hinter dem Baum hervorzutreten. War es schon zu spät? Ginsbert drehte sich vollständig um und begann zu rennen. Er hastete in großen Sprüngen durch den Wald, strauchelte und stolperte immer wieder über Wurzeln oder Steine. Nach kaum ein paar hundert Metern stürzte Ginsbert Kopf voran in einen flachen Tümpel. Brauner Morast geriet ihm in Augen und Nase, es kümmerte ihn nicht. Er drehte sich auf den Rücken, so dass er etwas atmen konnte. Er schaute nach oben. Wegen des Drecks musste er ständig blinzeln. Immer wieder sah er über sich zwischen den Baumwipfeln ein rissiges Stück Himmel. Seine Ohren waren unter Wasser, aber er konnte ein dumpfes Grummeln hören, das die Tümpeloberfläche zum Zittern brachte. Nochmal, und nach langer Pause ein drittes Mal.




2 Kommentare
Djungelurban schrieb am 18.02.2012 04:26

Hallo Philip,gerade bei deinem Problem wegen dem Nacken sind wahrscheinlich auch die Triggerpunkte in der Schulter daran Schuld.Run ON!Willi

life insurance quotes cialis

dakidrhayne schrieb am 15.02.2012 07:49