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21/05 2008
Ein Tag im Leben des Ginsbert
Kaum hatte sich die Sonne über den Horizont im Osten gequält, erwachte Ginsbert mit einem vernehmbaren Ächzen aus seinem Schlaf. Eine Gespielin lag neben ihm im Bett. Sichtlich erschöpft war sie in ein undurchschaubares Geflecht von Tüchern verwickelt, auch ein Duschvorhang war dabei, das Muster kam Ginsbert nicht bekannt vor. Wieso beginnt so vieles am Morgen, fragte er sich und schloss die Augen wieder, nicht ohne stumm das gleißende Sonnenlicht zu verfluchen, welches Hausstaub illuminierend den Weg zu Ginsberts Gesicht fand. Der Duschvorhang konnte etwas Abhilfe schaffen.
Wenig später kroch die Sonne im Westen unter den Horizont und ließ dort nur eine pinke Aureole zurück. Nicht unerstaunt erwachte Ginsbert erneut. Von Gespielinnen fehlte jede Spur, wobei er sich deren Anwesenheit ohnehin kaum erklären hätte können.
Beim Frühstück störte ihn der Sprecher der Tagesschau, weil der sich dauernd verhaspelte, also wurde der Fernseher „abgestellt“. Gierig spülte Ginsbert jetzt sein karges Mahl aus trockenen Grieskörnern mit einer fruchtsaftartigen Flüssigkeit hinunter, die sich im Untertopf einer ihm unbekannten Zimmerpalme angesammelt hatte.
Wenig später klingelte es an der Tür und ein Wildschwein schob seine lange flache Nase durch den Briefschlitz in der Tür. Ginsbert, der Erfahrung im Umgang mit Schweinen hatte, fiel auf den Trick nicht herein, und versteckte hastig seine Trüffelsammlung im Kühlschrank. Dann griff er nach einem Kürbis, dem er einen falschen Bart angemalt hatte, steckte ihn auf einen Staubswiffer und öffnete vorsichtig die Wohnungstür. Aber das Wildschwein war bereits weiter gezogen, besuchte wahrscheinlich die neugierige Nachbarin im 4. Stock. Aber bei der waren keine Trüffel zu holen, wie Ginsbert bei seinem Kontrolleinbruch letzte Woche festgestellt hatte. Ein unerzogen großzügiges Sortiment azurblauer Unterwäsche ließ sich dort zwar finden, Wildschweine interessieren sich für so etwas jedoch nicht. Seine Kürbisapparatur, die ihn an entfernt an den Polizisten erinnerte, von dem er gestern beinahe verprügelt worden wäre, steckte er in den großen Blumentopf vor seiner Tür.
Trotz verlängerter Ladenöffnungszeiten würde Ginsbert jetzt kein rohes Fleisch mehr bekommen, deshalb rannte er mit voller Wucht gegen eine Wohnungstür. Unangezogen wie er war schämte er sich aber und lief die Treppe hinunter und auf die Straße hinaus. Die Dunkelheit umhüllte ihn, wie ein seidener Kimono.
Oi! riefen die Leute und Hui! oder Bääh!, aber daran war Ginsbert wohl gewohnt. Eine Gruppe angetrunkener Jugendlicher brachte sogar den Mut auf, ihn mit leeren Bierdosen zu bewerfen, wofür sich Ginsbert artig bedankte.
Nun genieren sie sich doch nicht, versuchte Ginsbert splitternackt einer älteren Dame zu vermitteln, die am Sparkassenautomaten etwas Geld abhob, und das um diese Zeit. Huhn verziert sie sich Koch recht! verstand diese und war verwirrt. Aus Versehen tippte sie jetzt eine viel zu große Summe an, und wurde von dem fleißigen Automaten mit 250 Euro beglückt. Dem nackten Flegel hielt sie ihr Deospray hin, in der Hoffnung, er könne es für eine chemische Keule halten, und schlich rückwärts zu ihrem Porsche Carrera. Ginsbert indes genoss soviel weibliche Aufmerksamkeit natürlich und stellte sich vor, er sei ein Exhibitionist.
Kurze Zeit später klingelte er, immer noch hungrig, bei seiner Nachbarin im vierten Stock. Diese, an seinen Anblick mittlerweile halbwegs gewöhnt, öffnete widerwillig und hielt Ginsbert einen Schlüssel hin. „Bitte kein Gespräch“, sagte sie, was Ginsbert nicht davon abhielt, sich lallend nach dem Wildschwein zu erkundigen, und seine volle Kooperation diesbezüglich anzubieten, er kenne sich aus mit Schweinen, insbesondere wilden, er sei bereits mehrfach besoffen in einem Wald eingeschlafen.
Den Schlüssel versuchte Ginsbert zum Öffnen seiner Wohnungstür zu benutzen, welche aber noch offen war, erinnerte sich daran, für den Fall des Falles, seiner Nachbarin im vierten Stock seinen Zweitschlüssel zu geben, diesen hier, ging hoch, erkundigte sich nach dem Wildschwein, ging wieder runter, stellte fest, das die Tür zugefallen war, kletterte abermals in den vierten Stock, versprach der genervten Nachbarin auf der anderen Seite der Tür, ihr ein besonders sexy Stück azurblaue Unterwäsche zu schenken, wenn er denn nochmal den Schlüssel bekommen könne, sie fragte ihn, ob er wieder in ihren Privatsachen rumgeschnüffelt habe, worauf Ginsbert korrigierte, schnüffeln dürfe man nicht so wörtlich nehmen, worauf wiederum sie beleidigt verkündete, den Schlüssel jetzt aus dem Fenster geworfen zu haben.
Nach langer, aber höchst anregender Suche in den Müllcontainern im Innenhof wurde Ginsbert fündig. Eine struppige Katze leistete ihm Gesellschaft und bedankte sich mit einigen blutigen Striemen für die Stunden vergnüglicher Zweisamkeit, aber unanständiges war nicht geschehen. Schlussendlich schlief Ginsbert, den Kürbisswiffer im Arm vor seiner Wohnungstür ein.