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09/12 2011
Ginsbert am Flughafen II
Der Schutt lag weiterhin traurig abwartend herum, über den Boden verteilt, wie die ausgespuckten Brocken eines ungeliebten Nudelauflaufs. Ginsbert hoffte, sich nicht verlaufen zu haben. Hier lagen und hingen persönliches Inventar, Textilien und schüsselartige Plastikstücke. Glücklicherweise erkannte er ein großes zusammenhängendes Stück Innenwand wieder, wie es linkerhand herumlungerte, und zwar ganz gegen seine Art mehr horizontal denn vertikal. Die Gruppe von Anzugträgern aber, die sich damit behelfsmäßig zugedeckt hatte - sie waren vor Kälte ganz steif - war ihm unbekannt. Einer von ihnen wachte gerade auf und sein Blick war voll und nicht leer und seine Stimme klar und nicht dumpf. Er schrie weder A noch O. "Na, jetzt helfen Sie mir doch mal. Ich stecke hier fest." Erst wackelte er hilflos mit dem Kopf und dann spannte er angestreckt die Kiefermuskeln, als ziehe er den Korken aus einer Flasche. Ginsbert traute sich nicht recht, trat dann aber zögerlich einen Schritt näher. Die Augen des Mannes waren kleine rote Kugeln. "Also durch tumbes Herumstarren wurde noch kein Problem gelöst. Ärmel hochkrempeln und anpacken, los, los!" Der elegante Mann hatte mittlerweile die Spezifika seiner nutzlosen Taktik geändert und bediente sich anderer Muskeln. Durch sein mimisches Gezerre rückten jetzt alle Bestandteile seines Gesichts immer wieder nah zusammen. Er sah dabei aus wie ein grimmiger Smiley, mit einem überproportional groß gezeichneten Kreis. Ginsbert blieb skeptisch, überbrückte aber dennoch mit zwei weiteren Schritten die restliche Distanz. Wenn er sich bückte, könnte er nun das Mauerstück berühren. Es war aus grauen, großen Ziegeln stabil gemauert, der Mörtel wohl von bombenfester Qualität. Die Gesichtszüge des Eingeklemmten lockerten sich etwas. "Wenn Sie mein Angestellter wären, dann hätte ich Sie längst gefeuert, wissen Sie das? Doch," und hier atmete er tief ein, "ich sollte Sie wohl lieber als einen Serviceanbieter betrachten. Mit Monopolstellung, Sie Glücklicher!" Ginsbert verstand nicht ganz. Welcher Treibstoff war es, der die Arroganz dieses Mannes befeuerte? Glücklicherweise tat es nichts zur Sache, es war offensichtlich, dass der Gute seine schweren Verletzungen nicht überleben würde, ganz unabhängig davon, was Ginsbert auch tat. Sanft streichelte er deshalb über die rauhe Oberfläche des Mauerstücks und schaute dabei geradewegs durch den Mann hindurch, dort, wo dessen Augen waren. Dieser unterließ seine Anstrengungen und schien plötzlich nach etwas zu suchen, das tief in seinem Hinterkopf verborgen war. Nach einem Röcheln presste er dann krampfhaft seine Kiefer aufeinander und verharrte in dieser Pose. Wessen Kultur stand hier eigentlich auf dem Spiel? Letzte Woche erging die Nachricht vom harten Durchgreifen. Wahrscheinlich würden die heutigen Ereignisse als Zeichen der Schwäche gedeutet werden, weil sie ein allzu deutliches Zeichen der Stärke darstellten.
Ginsbert war sich nicht sicher, ob er wirklich auf dem Weg in die Abfertigungshalle war. Gut möglich, dass er irgendwo eine falsche Abbiegung gewählt hatte. Das Gelände war riesig, und jetzt, wo häufig auch noch die Wände als Orientierungshilfe fehlten, war Wegfindung sogar deutlich schwieriger geworden. Natürlich war Ginsbert auf die aktuelle Situation schlecht vorbereitet. Andere Reisende hatten, davon konnte Ginsbert sich gerade aus erster Hand überzeugen, zumindest einen Koffer mit ihren nötigsten Utensilien dabei, also nur, wenn sie ihn noch nicht eingecheckt hatten selbstverständlich. Aber immerhin ahnte Ginsbert, dass etwas nicht ganz richtig lief. Dunkel konnte er sich daran erinnern, unmittelbar nach der Explosion etwas ähnliches wie einen Polizeibeamten oder Soldaten gesehen zu haben. Das war jetzt bestimmt schon die eine oder andere Weile her. Aus persönlicher Erfahrung wusste er jedoch, dass in vergleichbaren Situationen die Zahl an sich beamtlich befugt fühlenden Personen zunächst stark zuzunehmen pflegte. Aber das waren nur spekulative Extrapolationen, welche Situation war denn wirklich hiermit vergleichbar? Trotzdem. Ginsbert warf einen weiteren Blick auf die stillen Anzugträger zu seinen Füßen. Das graue Mauerstück hatte einige Farbspritzer abbekommen, es war unglaublich, was die Leute in den forensischen Labors heutzutage aus einer einzigen Farbspur herauslesen konnten. Ginsbert war einmal der Sachbeschädigung überführt worden, nur weil er einen Pflasterstein an der Tür einer ungehobelt geparkten Mittelklasselimousine entlanggezogen hatte. Neben den Lackresten auf der Tatwaffe konnte der Staatsanwalt aber noch auf zahlreiche Zeugenaussagen zurückgreifen, also war das eigentlich kein so gutes Beispiel. Aber die Streifenwagen hätten sowieso nach und nach von grün auf blau umgerüstet werden sollen. Am liebsten hätte Ginsbert sich jetzt hier an dieser Stelle hingelegt, einfach so. Denn auf gewisse Weise war der Flughafen jetzt heimeliger als vorher. Grenzen waren aufgelöst, der Flughafen war jetzt gleichgemacht. Der Weg in die VIP-Lounge war nun frei, aber wer will schon in die VIP-Lounge, wenn alle Leute gleich unwichtig waren. EUP. Gibt es in Flughäfen überhaupt VIP-Lounges? Vielleicht für Vielflieger? Wirklich interessant waren doch die sicherheitsrelevanten Zonen. Hangare, zu den Flugzeugen, der Tower oder der Tresorraum. Wenn er nur eine Ahnung hätte, zumindest eine Ahnung, wo er sich jetzt gerade befand. Kein Gedanke mehr ans Hinlegen. Wieso sollte er den Ort des Schreckens verlassen? Mit einem Schmunzeln bedachte er die kleine halbe Mauer eines nostalgischen letzten Blickes. Dann kletterte er auf das Transportband und kroch in die Maschine, welche unter Bedingungen gesunden Speichelflusses das Gepäck auszuspeihen pflegte.