Ginsbert ist nüchtern

Ginsbert war froh, diese Stelle angenommen zu haben. Hier draußen in der Natur fühlte er sich wohl. Er konnte machen was er wollte. Zuallererst hatte er im Baumarkt eine Axt geklaut, und mit der machte er sich jetzt daran, einige Bäume zu fällen, die hier ohnehin eher störend waren. Fürs erste sollte eine kleine Eiche genügen. Nach zwei, drei Schlägen wurde Ginsbert aber müde und beschloß, lieber noch eine Runde mit dem Fahrrad zu drehen. Die tonigen Wege entlangradeln, auf denen sich sonst Rehe und Reiter tummelten. Zwischen kleinen Birken hindruchrasen, und sich ab und an auf die Schnauze legen, das war seine Welt. Das heißt, er war jetzt etwas müde geworden, und legte sich auf das Feld. Ein Bauer mähte hier das lustige Getreide mit seinem Mähdrescher. Etwas später schon erreichte Ginsbert die Nachricht, daß seine Mutter im Krankenhaus liege und Hilfe benötige. Dem kleinen Waldkauz, der ihm diese Nachricht überbracht hatte, legte Ginsbert eine süße Leckerei in den Schnabel, schnappte sich sein Fahrrad und trug es den Weg entlang, weil es zwei Platten hatte, und eine Acht im Vorderrad, weil Ginsbert immer vor irgendwelche Baumstümpfe gerast war. Seine Hoden pochten immer noch etwas vor Schmerz. Die Sache mit dem Krankenhaus indes erwies sich als Schwindel. Es stellte sich heraus, daß Ginsbert einer Ente aufgesessen war, was dieser gar nicht gefiel. Dabei hatte Ginsbert aus den Resten einer Antilopenzunge sogar einen kleinen Sattel gebastelt, der zugegebenermaßen ziemlich scheiße aussah, blutig und matschig wie er war. Die Ente schnappte sich eine Zeitung und las in den Todesanzeigen: „Kalauer qualvoll zu Tode gefoltert! Wir haben ihn alle gehasst, und freuen uns, daß er vorbei ist.“

 

Ginsbert hasste ja den Wald, er hätte die Stelle nicht annehmen sollen. Nein, er würde sich hier und jetzt auf den warmen Asphalt legen und über die Wichtigkeit des Öls nachsinnen. Mit Natur wollte er nicht mehr viel zu tun haben. Der Bauer mit seinem Mähdrescher wollte vorbei, es passte aber nicht, weil Ginsbert mitten auf der Straße lag, und ein Mähdrescher sehr breit ist. Ginsbert ließ sich davon nicht stören. Er sah in die Sterne und fragte sich, wie es dort wohl aussehen möge. Die Antwort kam so schnell, wie unerwartet. Stattdessen fragte ihn der Bauer nach seinem Vornamen und seiner Adresse, ob er mal anrufen dürfe. Deine Haare duften so gut, wie die eines Engels. Krächzend und muhend setzte sich der Mähdrescher wieder in Gang und flog geradewegs über Ginsberts Haupt hinweg, wobei die scharfen Sensen, fast sein Gesicht zerschnitten, zum Glück hatte der Bauer die Mähvorrichtung weit hochgeklappte, so daß dahingehend nicht die geringste Gefahr bestand. Nichtsdestotrotz wartete Ginsbert immer noch auf eine Antwort von den Sternen, ein Morsesignal vielleicht, oder eine Supernova, oder ein Morsesignal mit Hilfe einer Supernova, oder alles zusammen. Stattdessen kam wieder der Waldkauz vorbei, ganz unheimlich vor sich hermurmelnd. Diesmal indes kaufte ihm Ginsbert die Geschichte mit dem Krankenhaus nicht ab. Es stellte sich lediglich heraus, daß er gar nicht Ginsberts Mutter gemeint hatte, sondern daß er selber dringend medizinische Hilfe benötigte. Ginsbert war beruhigt, jetzt wo seine Mutter nicht betroffen war, konnte er dem struppigen Vogel gefahrlos jedwede Bitte ausschlagen. Diabolisch lächelnd bot er dem Federvieh zum Schein weiteres Naschwerk an, und ging dann seines Weges, nicht ohne vorher noch demonstrativ mit dem Handy herumgespielt zu haben.

 

Das Leben war ihm langweilig geworden. Ohne Drogen und Gewalt vermochte er der Welt überhaupt nichts positives abzugewimmen. Er war jetzt gut gekleidet, fuhr eine exorbitant teure Luxuskarosse und umgab sich mit schönen Frauen, wie andere ihre Gartenteiche mit Zierpflanzen, Gartenzwergen und anderem Schmuckwerk. Das ganze finanzierte er mit einem Schneeballsystem: Dazu ging er in eine Bank, drückte dem Kassierer eine Pistole auf die Stirn und verlangte die Herausgabe des ganzen Geldes. Seinen Forderungen wurde dabei häufig Folge geleistet. Wenn nicht, schlich er gesenkten Hauptes und mit einer Träne im Augenwinkel aus der Filiale und kam auch niemals wieder. Andere Banken besuchte er besonders häufig. Er verstand selber nicht, wieso dieses System funktionierte. Offenbar war noch nie jemand vorher auf diese Idee gekommen, und die Polizei hatte auch noch keinen blassen Schimmer, wer hinter dieser Maskerade steckte, und was sie machen sollte, um ihm Einhalt zu gebieten.

Ginsbert schloß die Tür auf, legte sich in sein Bett und weinte laut und bitterlich. So laut, daß die Mieterin unter ihm genervt an die Decke klopfte. Ginsbert nahm seine Pistole und beschloß, ihr einen Besuch abzustatten, den sie so schnell nicht wieder vergessen würde. Jedoch schlief er auf der Treppe ein und ließ es gut sein.

 

(von Georg Szwillus)