14/10 2010

Ginsbert gräbt II

Zurück in seinem "Büro" drückte der Kommissar eine schwarze Heftzwecke in die Karte an der Wand. Mitten in den Friedhof. Es war dunkel im Raum, denn elektrisches Licht gab es nicht. Lediglich eine alte Petroleumlampe spendete etwas Licht und ergänzte den schattenhaften Umriss von Fräulein Hübner, der aus dem neonhellen Nebenzimmer kam und auf der Türschwelle wartete, um ein gespenstisch andersweltartiges Schummerlicht von vorne. Fräulein Hübner passte kaum in den Türrahmen, so groß und breit war er. Vor sich hielt er ein Tablett mit Mokkatassen. Der Kommissar ignorierte ihn und begann mit auf dem Rücken gefalteten Händen im Raum auf und ab zu marschieren.

Wofür hatte der Täter den großen Aufwand getrieben? Warum hatte er sich die Mühe gemacht, mitten in der Nacht ein metertiefes Loch auf dem Friedhof auszuheben, wenn doch offensichtlich war, dass es spätestens am nächsten Morgen entdeckt werden würde? Hatte er etwas gesucht? An der Stelle waren aber keine Gräber, sondern nur eine Rasenfläche und Beete. Darunter nichts außer Lehm und Dreck. Außerdem war ja scheinbar nichts weggenommen worden, sondern im Gegenteil etwas platziert worden. Eine rätselhafte Ansammlung von Apparaturen. Die technische Abteilung der Polizei, sowie ein herangezogener Experte, ein alter Freund des Kommissars und gleichzeitig sein Klempner, konnten sich keinen Reim auf den Zweck der Maschinen machen. Grob gesprochen handelte es sich um einen stählernen Kessel und eine scheinbar wahllose Kombination von Sanitärprodukten, also Rohren, Ventilen und Hähnen und so. Dazu elektronische Steuergeräte, die mit einer noch zu analysierenden Paste an dem Kessel befestigt waren, und über ein hunderte Meter langes Kabel mit einem anderen Apparat verbunden waren. Dieser war in einem arg lädierten Rhododendronbusch versteckt, der sich wohlgemerkt kaum zwei Meter vom Rand der Grube entfernt befand. Der Rest des viel zu langen Kabels lag in einem hoffnungslos verknoteten Haufen neben dem Busch. Den Kasten, in den das Kabel mündete, krönte ein überdimensionierter Hebel. Das zunächst bestellte Bombenkommando konnte schnell Entwarnung geben, Sprengstoff war nirgendwo zu finden. Letztendlich hatte der Täter außer Sachbeschädigung und Autodiebstahl kein Verbrechen begangen. Aber das ganze roch nach mehr. Nach Kaffee. Halt.

"Fräulein Hübner, stellen Sie ihn doch einfach hier ab, ja, und halten ihn mir bitte nicht so aufdringlich unter die Nase. Ich weiß, dass Sie noch was anderes zu tun haben, als mir Kaffee zu bringen, also seien Sie bitte so freundlich und machen die Tür zu, wenn Sie gehen." Fräulein Hübner grunzte etwas in seinen stattlichen Rauschebart und stellte das Tablett mit den winzigen Mokkatassen auf den Fußboden. Tischfläche war keine frei. Überall Papiere, Schreibutensilien, Geschirr. Der großgebaute Mann gab einen besorgniserregendes Ächzen von sich, als er sich aus der Hocke erhob. Dann verließ er den Raum und ließ die Metalltür geräuschvoll ins Schloss fallen. Der Kommissar sah kaum auf, sondern setzte seinen nachdenklichen Gang durch das Zimmer fort.

Wieso kam er immer so schnell wieder auf freien Fuß? Natürlich hatten sie ihn bald geschnappt. Er war von mehreren Zeugen dabei beobachtet worden, wie er den Friedhof verließ. Ein neugieriger Spaziergänger fand auch das Loch in der Hecke, wo er mit dem gestohlenen Transporter der Stadtwerke auf den Friedhof gerast war. Als die Suchmeldung raus war, hatte Polizeihauptmeister Hübner sofort Lunte gerochen und unseren alten Kumpel Ginsbert in der Täterbeschreibung erkannt. Er hatte den Kommissar benachrichtigt. Zwei Streifenpolizisten wurden losgeschickt, um ihn festzunehmen. Er war nicht angetroffen worden. Wie sich später herausstellen sollte, war der Typ nach dem ganzen Gegrabe ohne sich umzuziehen feiern gegangen. Auf der gleichen High-Society-Party wie der Polizeipräsident und der Oberbürgermeister. Tja, und die hatten dann heute morgen auch schnell dafür gesorgt, dass er sofort wieder frei kam. Schöne Scheiße.

Der Kommissar bückte sich und trank erstmal eine Tasse Mokka. Und noch eine. Und noch eine. Und die vierte und letzte auch. Dann wischte mit einem Ruck die Tischoberfläche leer, stellte eine weitere Öllampe darauf und machte sich daran, einen Zinnsoldaten zu bemalen: französischer Grenadier.