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Der Morgen danach
Ein Messer lag nah vor Ginsberts Gesicht auf dem Tisch vor ihm. Höhnisch lachte es ihn aus. Nimm mich! Nimm mich! stöhnte es lustvoll. Ginsbert, ganz schüchterner Stadtjunge, griff nach dem Messer, steckte es in die Schutzfolie aus transparentem Plastik und legte es vorsichtig in die chaotische Küchenschublade, wo von Gummibändern über Streichhölzer bis hin zu Legosteinen alles zu finden war. Dann beschloss er, den lustig fauchenden Kater, der auf sich auf den Hochschrank zurückgezogen hatte, weiter mit tiefgekühlten Erbsen zu bewerfen. Überraschenderweise war das überhaupt nicht sein Kater, er hatte das Tier noch nie gesehen. Ginsbert hielt einen längeren Augenblick inne und guckte auf die aufgerissene Plastiktüte gefrorener Erbsen hinab und staunte nicht schlecht. Wenn er es recht überlegte, war dies nicht einmal sein Gemüse. Neugierig schaute er sich um. Edelmetallküche. Cerankochfeld. Riesengroße Kühlkombination mit Eiswürfelfach außen. Dies war nicht seine Küche. Ginsbert stieß einen kurzen Schrei aus. Der Kater nutzte die Gelegenheit und sprang auf die Küchenplatte unterhalb des Hochschranks und verzog sich dann ganz aus der Küche. Ginsbert schaute an sich hinab. Er trug einen dunkelblauen Seidenpyjama mit Sonne, Mond und Sternen, wenn auch astronomisch arg ungenau, da hier Sonnen und Monde zahlenmäßig überrepräsentiert waren, was die Sterne aber durch abnorme Größenverhältnisse ausglichen, was sie wiederum zu Sonnen hätte machen sollen. Wo war Ginsbert jetzt schon wieder gelandet?
Sein Gehirn wollte denken, aber Ginsbert ließ keinen klaren Gedanken zu. Unüberlegtes Handeln war schließlich sein Credo. Der nächste Griff war der zur Kaffeemaschine. Er riss das Kabel aus der Wand und untersuchte die Steckdose nach versteckten Wanzen der Polizei. Hatte er es sich doch gedacht: Nichts. Sorglos stöpselte er nun die Maschine wieder ein und griff nach einem Kaffeefilter, den er nicht fand. „Wo bist du, Schatz?“ rief eine Stimme aus dem Nebenzimmer. Eine Frauenstimme. Das war falsch und Ginsbert wußte es. Wahrscheinlich meinte die Frau wohl ihren Kater. „Bräts Du uns ein paar Spiegeleier?“ kam es nun aus dem Nebenraum geschallt. Nervös kaute Ginsbert auf seinem Daumennagel herum, Schweiß troff ihm von der Stirn. Aber er hatte eine Idee.
Verhältnismäßig uncool inszenierte Ginsbert nun sein plötzliches Ableben. Er legte den Pyjama auf den Küchenboden und dazu drei Löffel Kaffee. Nackt zog er sich in den kleinen Schrank unter dem Spülbecken zurück, dessen unteres Brett krachend nachgab. Zusammengekauert neben Putzutensilien harrte er der Dinge die da kommen sollten. Er hoffte nur, er habe keinen Fehler gemacht. Die Unbekannte mußte die Geräusche gehört haben, denn es näherten sich barfüßige Schritte. „Alles in Ordnung?“ wurde gesäuselt. „Was hast Du denn mit deinen Sachen gemacht? Spielst Du wieder Deine Spielchen mit mir, Süßer?“ Darauf war Ginsbert nicht gefasst gewesen. Er konnte einen kleinen hohen Schrei nicht unterdrücken. Schon hörte er die Schritte näher kommen, das raschelnde Geräusch feinsten Stoffes, genau wie beim Niederknien vor einem Spülunterschrank, konnte er vernehmen. Die Tür öffnete sich mit einem Knarren, das sich in die Ewigkeit zog. Ein schmaler Lichtstreifen zeigte sich und wuchs in der Breite. Ginsbert wurde geblendet und da stand sie über ihm. Ginsbert verharrte lange in diesem Augenblick und warf diesen einen Blick auf den weiblichen Schattenriss vor blendender Edelstahlküche.
Dann setzte sein Fluchtinstinkt ein. Jede Faser seines Körpers spannte sich an und konzentrierte sich auf den nahen Ausbruch. Ginsberts kärgliche Muskeln explodierten in einer wuchtigen Aufwärtsbewegung.
Und dann war da noch die Spüle.
(von Georg Szwillus)