23/10 2006

Ginsbert wird Mutter

Eine verwirrende Situation stellte sich Ginsbert dar: Ein geflügeltes Eichhörnchen hatte sich auf seinen Frühstückstisch gesetzt und blockierte dort verzweifelt die Zuckerdose. Die einzige Zuckerdose im Haus. Ginsbert hasste es, Dinge ohne Zucker zu essen. Alles war so eklig ohne Zucker, alles schmeckte so nach Fisch. Süßer Fisch war okay. Ach hätte er doch nicht gestern den Honig gebraucht, um die Kuh aus seinem Schlafzimmer zu verscheuchen. Großkotzig muhend war dieses furzende Monstrum mitten in der Nacht in sein Schlafzimmer eingedrungen und hatte sich neben ihn unter die Bettdecke gekuschelt. Geistesgegenwärtig, nur noch etwas schläfrig, hatte Ginsbert also dann den Honig genommen, um sich des Paarhufers zu entledigen. Das ganze Telephon hatte er mit dem süßen Saft eingeschmiert, und dann die Polizei angerufen, welche das Tier mit einer antiken Schrotflinte erschießen mußte, weil sie keine Lust hatte, sich mehr Mühe zu geben. Die Schrotflinte war ein Geschenk von Ginsberts Großmutter gewesen.

Der Honig jedenfalls war alle. Und immer noch schaufelte das geifernde Eichhörnchen mit seinen samtig glitzernden Feenflügeln sich den Zucker ins stinkende Maul. Ginsbert war verzweifelt. Zum Glück hatte er für solche Fälle immer eine Notreserve im geheimen Tresor bei der Sparkasse. Da würde ihn keiner vermuten. Ginsbert zog sich also seine selbstgestrickte Regenjacke an, die er in einem Salzbad haltbar gemacht hatte, außerdem packte er sich seine Lieblingspuppe Gudrun ein, zur Sicherheit außerdem noch einen triefenden Hering in Tomatensauce.

Er machte sich auf den Weg zur Sparkasse. Diese war nicht weit entfernt, aber der Weg war gefährlich, weil er an dem Real an der Ecke vorbeimußte. Der Ladenbesitzer glaubte, immer noch eine Rechnung mit Ginsbert offen zu haben, was zwar erstunken und erlogen war, aber die Polizei hatte dieser feiste Geldsack leider auf seiner Seite. Nicht das Ginsbert Angst vor der blöden Polizei hatte, nein, mit denen war er, zumindest theoretisch, immer fertiggeworden. Aber er konnte sich jetzt leider keine Verzögerung leisten. Auf zur Sparkasse. Man konnte sie schon riechen, ach das ganze Geld, es war so ein herrlicher Geruch, ach wie das duftete. Wie Lavendelblüten in einem Altkleidercontainer, in den eine begeisterter Schöngeist reichlich Hundekacke geworfen hatte.

An der Ecke Gustrutzenstraße/Kleinbeuckenstreuberlingerweg passierte es: Eine Art leuchtende Gaswolke erfaßte Ginsberts Unterleib, lüftete den Regenmantel, zerriß seine gelbgraun getupfte Lieblingsleggins und schwängerte ihn ausgiebig. Dies war für Ginsbert eine völlig neue Erfahrung. Freuderfüllt sank er ersteinmal nieder und begann mit der ersten Schwangerschaftsgymnastik. Nach ein paar Sekunden war es aber erstmal genug. Ginsbert stand auf und versuchte die Schweinerei dürftig mit etwas Spucke und dem Hering zu beseitigen, wozu er Gudrun mißbrauchte und was gegeben der Umstände recht gut funktionierte. Erst jetzt sah er die Menschen, die sich neugierig abwendeten, und an ihm vorbeieilten, parfürmierte Taschentücher oder Schals vor der Nase. Ginsbert schnappte sich eine schwächliche ältere Dame, weil sie am wehrlosesten aussah und steckte ihr den klebrigen Fisch unter den Dutt. Dann riß er sich los, zeigte rückwärts stolpernd auf die arglos beleidigt vor sich hin stierende Alte und rief um Hilfe. Genau wie sie.

Zwar versuchte Ginsbert jeden Trick, um die Verfolger abzuschütteln, falls es welche gab, doch leider erwarteten ihn vor seiner Haustür bereits die Polizeibeamten mit gezückten Gewehren, wahrscheinlich entsichert, wie er später zu Protokoll geben ließ.

Die ganze Geschichte ging dann relativ glimpflich aus. Es gab einen kleineren Tumult auf dem Revier, als Ginsbert die Zuckerdose des Hauptkommisars entdeckte und stehlen wollte, aber ansonsten passierte nichts. Das Kind war leider eine Fehlgeburt, wie Ginsbert mit seinem aus einem Joghurtbecher und einer halben Handschelle gebauten Ultraschallgerät feststellen mußte. Vielleicht war die Welt einfach noch nicht bereit für ein kleines Ginsbertchen.

(von Georg Szwillus)