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28/06 2011
Ginsbert fordert Gerechtigkeit II
Für den heutigen Tag hatte sich Ginsbert einiges vorgenommen. Mittlerweile war es Nacht geworden und er begann an seiner eigenen Aufrichtigkeit zu zweifeln. Klaus war auf seinem kleinen Schemel eingeschlafen und ein steter Speichelbach mäanderte sein Kinn hinab. Ginsbert versuchte sich angestrengt zu erinnern: Hatte das Entnehmen einer Speichelprobe von einem Kriminalbeamten auf der (imaginierten) To-Do-Liste gestanden? Wahrscheinlich ja, denn seine (imaginierte) To-Do-Liste war verschwommen ausführlich und dadurch sehr lang. Alles was Ginsbert für seinen Plan brauchte, war eine große Spritze und eine starke Lichtquelle, um die Vene besser sehen zu können. Vorsichtig und vor allem leise setzte Ginsbert sich in seinem Krankenbett auf. Es stand in einem karg im Nouveau-Hospital-Style eingerichteten Mehrbettzimmer der totenstillen Sankt-Petersburg-Klinik, wobei sich Ginsbert bezüglich des Heiligen nicht hundertprozentig sicher war. Auf Sammetpfoten und diesmal das Infusionsgestell nicht umreissend schlenderte Ginsbert zur Tür. Auf dem Weg dorthin sah er auf einem Garderobenregal zwei Gegenstände. Konnte man, so fragte er sich, aus einer Küchenschere und einem Gummischlauch eine hygienisch einwandfreie Spritze basteln? Diesen Gedanken kontemplierte Ginsbert eine Weile, abertausende Konstruktionsalternativen schossen ihm durch den Kopf, die er aber sofort wieder verwarf, denn alle hatten irgendeinen Makel. Ginsbert konnte sich aber, als Technokrat, nicht mit einem Provisorium zufrieden geben und beschloss stattdessen, sich hier, direkt unter den Augen seiner Erzfeinde, auf die Suche nach einer echten, voll funktionstüchtigen, chromstahlblitzenden, epidermispenetrierfähigen und saugstarken Speichelentnahmespritze zu begeben. Die Tür war abgeschlossen. Scheiße! Fuck! Dreck! Aaah! Kleine rote Käfer grinsten ihn breitmäulig an, schwirrten, schnurrten und schredderten durch die Luft. Geifernde Milchzahngebisse spieen ihm Beleidigungen und frivole Fremwörter entgegen. Seine Füße standen in glitzernder, nach Särgen duftender Zahnpasta und die verdammte Tür war immer noch zu. Keine Panik. Das hatte Ginsbert mittlerweile gelernt. Wer meldet? Ort der Unfallstelle? Was ist passiert? Rettungswege frei halten und sich selbst in Sicherheit bringen. Erst den Gashahn abdrehen und dann alle Fenster öffnen, das Gas sammelt sich am Boden, weil es leichter ist als Wasser. Erst dreimal pusten, dann immer wieder kräftig auf den Brustkorb schlagen. Den Verletzten notfalls schütteln, damit die Kotze nicht die Atemwege verstopft. Niemals mit Gewalt den Helm entfernen. Das Entfernen des Helms hat nicht oberste Priorität. Eine handelsübliche Kettensäge ist zwar in der Lage den Helm zu öffnen, gerade bei Nervosität kann es aber an der notwendigen Präzision scheitern. Das gilt auch unter Drogeneinfluss. Die Tür war also zu, stellte Ginsbert, die Hand krampfhaft um die Klinke geschlossen, fest. Er lockerte den Griff und begab sich langsam mit der notwendigen Gelassenheit Richtung Fenster. Im Vorbeischleichen verwarf er die Idee, aus dem hohlen Metallgestänge des Infusionsgestells einen XXL-Speichelextraktor zu kreieren, auch weil ihm die notwendigen Werkzeuge zum Anspitzen der Großkanüle fehlten. Langsam ließ er die Betten von Herrn Gruber und dem kleinen dicken Mann mit dem lauten Pinkelstrahl hinter sich. Das Fenster war jetzt nur noch wenige Schritte entfernt. Linkerhand konnte Ginsbert jetzt die nackten Füsse von Herrn Ruthland unter der Bettdecke hervorlugen sehen, und rechtens saß mit starrem Blick Kolja in seinem Bett. Ginsbert hatte die Lippen zu einem unschuldigen Pfiffeln geschürzt und hob träge die Hand zum Gruß. Koljas Lächeln verwandelte sich in ein sardonisches Grinsen, als er mit genüßlicher Behäbigkeit den Nachtschwesternrufknopf betätigte. Schnaubend begann Ginsbert zu hyperventilieren. Die Käfer kehrten zurück, und sie hatten Verstärkung mitgebracht. Ein brauner Elefant mit menschlichen Füßen, großen borkigen Füßen in pinken Crocs, posaunte fröhlich herum. Der Lärm war derart ohrenbetäubend, dass Ginsberts Ohren zu ertauben glaubten. Eine Hundertschaft der roten Schwirrlinge zersäbelte seine hässliche Krankenhauskluft und ließ Ginsbert in Fetzen zurück. Der lärmbelästigende Dickhäuter indes sprang im Zimmer herum und beschädigte einiges an Mobiliar. Ginsbert erinnerte sich an seinen Plan. Das Fenster konnte er immer noch erreichen, auch wenn er mittlerweile aus tausenden kleinen Wunden blutete und auch sein Sichtfeld trübe und verschwommen war. Aber er hatte den kleinen Plastikhebel fest im Blick, den Plastikhebel, der sein Ticket in die Freiheit bedeutete. Den Plastikhebel, mit dem man das Fenster öffnete. Ginsbert griff und drehte. Die Jalousie gab den Blick frei auf einen sternenklaren Nachthimmel. O je, diese penetranten Freiheitsberauber hatten doch wirklich an alles gedacht. Sogar die Fenstergriffe hatten sie manipuliert. Ginsbert drehte weiter, und weiter über jeden Widerstand hinaus. Etwas brach splitternd. Ginsberts Hand hielt den Griff weiterhin fest umschlossen. Draussen schwebte gehässig grinsend eine halb durchscheinende Fratze in der Luft, deren Konturen zähflüssig im dunklen Laub der arglistig dunklen Bäume versandeten. Die dreckigen Kiefer öffneten sich knarrend. Der lippenlose Mund formte böse Worte, die aber durch das Glas hindurch nicht verständlich waren. Ginsbert blieb nichts anderes übrig, als den Unbekannten schweigend anzustarren. Die Augenhöhlen, tief in der Dunkelheit versunken, gaben Ginsbert ein Gefühl der Geborgenheit, auch wenn das grünliche Funkeln der Pupillen hasserfüllt und grausam blieb. Plötzlich ließ ihn die eisige Berührung einer Hand auf seiner Schulter kurz zusammenzucken, er wandte sich um, sah in das formlose Gesicht von Klaus, beeilte sich, seinen Blick wieder nach draußen zu schicken, aber das düstere Antlitz hatte sich bereits verflüchtigt. Stattdessen war da nur die vage Spiegelung eines ausgedörrten, traurig verängstigten Krankenhauspatienten, noch vager umringt von einer Reihe weiterer Gestalten. Jemand hatte die Neonbeleuchtung im Zimmer eingeschaltet.