30/12 2006

Antagonist

„Stellen Sie die Tasse da hin, Fräulein Hübner.“ Eigentlich war Fräulein Hübner gar kein Fräulein sondern ein Mann von erheblicher Statur. Muskulös, wie ein Bär nach 2 Jahren täglichem Krafttraining. Und er hatte einen ungepflegten Vollbart, wie ein gutgelaunter sibirischer Preisboxer. Genau genommen war Fräulein Hübner tatsächlich mal sibirischer Preisboxer gewesen. Er hielt ein kleines silbernes Tablett mit einer grüngelben Mokkatasse in der Hand. Gemessenen Schrittes brachte er es zu einem schmierigen Metallschreibtisch, an dem eine schmale Person saß und ungeduldig die Knöchel ihrer Hände gegeneinander schlug. Es handelte sich hierbei um niemand geringeres als einen Kommissar bei der sogenannten Kriminalpolizei. Gierig riß er dem Riesen das Tässchen vom Tablett, kippte das Getränk in einem Schluck herunter, knallte das Gefäß auf das Tablett zurück und schrie: “Mehr! Mehr! Mehr! Fräulein Hübner, Sie sind nicht umsonst zum Kriminalhauptmeister befördert worden, Freundchen. Ich brauche frischen Mokka!“ Geduckt trollte sich Fräulein Hübner aus dem Büro, leise grummelnd aber lächelnd und fröhlich.

Der Kommissar war ein Denker. Ein ausgemachter Grübler. Ein Gedankenwender und Ideenschmied. Er hatte keine nennenswerte Familie mehr, mit Frauen wollte er sich aus religiösen Gründen nicht beschäftigen, erklärte er immer wieder übereifrig seinen Kollegen oder jedem der es wagte sich nach seinem Privatleben zu erkundigen. Es gab bei in seinem Leben einfach keinen Platz für Frauengeschichten, er hatte seine Pflicht zu erfüllen. Und die bestand nunmal darin, gefährliche Kriminalfälle zu lösen. Viel zu unsicher und zeitaufwendig für private Scharwenzeleien, Techtelmechtel oder heiße Küsse. Keine Zeit für Spaziergänge im Park, zum gemeinsamen Entenfüttern. Kein Platz für Kinder, auf keinen Fall für Kinder. Der Kommissar brauchte sowas auch gar nicht. Viel zu gefährlich, sicherlich. Und er mußte ja immerhin seine Pflicht erfüllen. Und da war dieser neue Fall, der ihm Rätsel aufgab. Eine Reihe unerklärlicher Vorfälle, ein prallgefüllter Sack voller Geheimnisse und Mysterien. Ein Mann, der offenbar ohne jegliches Scheu und ohne Wissen, absolut ahnungslos ... „Fräulein Hübner! Der Mokka! Wo bleibt der Mokka?“ Absolut ahnungslos ein Verbrechen nach dem nächsten beging, sich keine Mühe machte seine Spuren zu verwischen, und den sie schon längst geschnappt hatten, mehrfach. Aber immer war er ihnen entwischt. Er hatte offenbar mächtige Freunde. Wann immer sie ihn mal wieder festnageln konnten, kam ein Anruf. Meist vom Polizeipräsidenten, manchmal vom Innenminister persönlich, letztes Mal sogar von seiner Mutter. Aber die wollte nur wissen, ob er lieber Kartoffelgratin oder Brokkoligratin essen wollen, und falls Kartoffelgratin dann sollte er doch bitte noch Kartoffeln kaufen auf dem Rückweg.

Der Kommissar schaute sich in seinem Büro um, sah aber nur Altbekanntes. Seinen dreckigen, weißlackierten, arg lädierten Metallschreibtisch mit den rausgebrochenen Schubladen, die kahlen Betonwände waren über und über zugehängt mit lauter Zeugs, sonderlich kahl waren sie nicht. Alte Kriminalfälle, Stadtkarten, manche von Städten, die in keinem Atlas verzeichnet waren, weil sie geheim gehalten wurden. Bei Google Earth konnte man sie aber schon sehen, wenn man wußte, wo man gucken muß. Die Aktenschränke, die er Fräulein Hübner vom Sperrmüll hatte holen lassen wiesen Gebrauchsspuren auf und überall quoll Papier aus ihnen heraus. Einer der Schränke war allerdings für seine Zinnfigurensammlung reserviert. Dann war da noch das dreckstarrende Fenster hinter seinem Rücken, taktisch unklug angebracht. Deswegen hatte der Kommisar es von außen mit vergammelnden Matratzen zugestellt. Licht spendete in dem Raum lediglich eine alte Ölfunzel, die von der tatsächlich kahlen Betondecke baumelte. Dem Kommissar, der ein besonnener Denker war, ein Gehirnakrobat, ein geistiger Flutlichtscheinwerfer, ein schlaues Köpfchen auch, gefiel der Gedanke nicht, vom elektrischen Strom abhängig zu sein, weswegen er alle Neonröhren direkt bei seinem Einzug zerstört hatte. Fräulein Hübner hatte immer noch nicht seinen Kaffee gebracht. Wie sollte er ohne seinen Kaffee einen Verbrecher schnappen, ein kriminelles Wunderkind, diesen Don Quixote der Unterwelt, Don auf jeden Fall, Juan wohl weniger, aber wer kann das schon genau sagen, Corleone eher. Der Gesuchte hieß Ginsbert.