- Startseite >
- Anfänge >
- The Ginsbert Story >
- Ginsbert am Flughafen I
Ginsbert am Flughafen I
Ernste Stimmung hier am Flughafenterminal. Nicht einmal Ginsbert sah sich genötigt einen schnippischen Kommentar abzugeben, angesichts der düsteren Situation.
Ja, ei der daus, was war denn hier geschehen? Warum machte es ganz plötzlich Pling? Wer hatte das Seil heruntergelassen und was wollten die ganzen dunkel gekleideten Herrschaften mit ihren Maschinenpistolen denn hier? Klar, es hatte einen terroristischen Anschlag gegeben, mit vielen hundert leicht Verletzten, aber das war doch kein Grund jetzt Panik zu schieben? Die Explosion war kaum hörbar vor mehr oder weniger fünf Minuten über die Bühne gegangen, ohne dass es allzuviel Protest gegeben hätte. Wer auch immer den Zorn heraufbeschworen hatte, es war gründlich geschehen.
Unter Schmerzen entfernte Ginsbert die Ecke eines Werbeschildes aus seinem Oberschenkel. Mit erfreulicher Langsamkeit sickerte Blut aus der kleinen Wunde. Noch immer etwas verwirrt, versuchte Ginsbert aufzustehen. Eine dunkle Wolke schob sich vor sein Gesicht. Es war eine Art Polizist, der aber schnell weiterzog. Ginsbert ließ sich wieder auf den weichen Boden sacken. O je, er saß ja auf einem nur leicht verletzten jungen Mann mit einem wunderlich karierten Polohemd. Ginsbert verlagerte das Gewicht und verpasste seiner hilflos lächelnden Sitzgelegenheit eine Ohrfeige. Außer einem sandigen Knirschen tat sich nichts, der ulkige Kerl antwortete einfach nicht. Schien wie gefangen in seiner Hülle aus staunender Ignoranz. Als sich Ginsbert an den Kopf fasste, stellte er fest, dass all sein Haar ausgefallen war, auf jeden Fall nicht mehr da war. Umso besser. Staub flirrte in der Luft, brachte dem Atem das Rasseln bei und gefiel sich darin, herumliegenden Schutt und Menschen zu beschmutzen. Die große Anzeigetafel verkündete pünktliche Abflüge und Landungen, die Buchstaben und Nummern ergaben nur scheinbar Sinn. Ein Heulen und Schnattern erfüllte die Halle und verhieß nichts Gutes. Das Sonnenlicht wärmte gnädig.
Eigentlich war Ginbert nur zu Besuch hier. Wollte nicht verreisen und auch ganz bestimmt niemanden abholen. Allein die Vorstellung wähnte merkwürdig. Nein, nur diesem Ort der Geschäftigkeit und Sehnsucht einen Besuch abstatten, ein paar klebrige Bonbons in der Abfertigungshalle verteilen und von Sicherheitsbeamten einiger Bereiche verwiesen werden. Denn Flugzeuge waren Ginsbert letztlich so fremd wie ihre Bewohner.
Obwohl bestimmt die eine oder andere Zeit vergangen war, gab sich die Lärmkulisse unverändert laut. Trotzig und knochenächzend erhob sich Ginsbert vollständig. Zwar würde ein Außenstehender niemals auf die Idee kommen, Ginsbert als die Art Mensch zu beschreiben, für die ein gepflegtes Äußeres Alles war, aber es gab Mindeststandards. Also begann Ginsbert seine Kleidung auszuklopfen. Eine Schulter war leider ausgekugelt. Autsch! Zögerlich machte sich Ginsbert daran, seinen Körper nach weiteren Verletzungen zu untersuchen, eine schmerzbasierte topographische Landkarte seines Leibes, die gnädigerweise halbverschleiert in seinem Bewußtsein herumwaberte, diente ihm dabei als Wegweiser. In seinem Erkundungsgang wurde er von einem netten Jungen unterbrochen, der ihn fragte: "Haben Sie meine Eltern gesehen? Mein Vater trägt einen Anzug mit Kragen, und meine Mutter blaue Jeans. Sie ist blond." Der Junge trug selbst eine blaue Jeans, die im Gegensatz zu seinem T-Shirt noch ziemlich gut erhalten war. Das Hemd war nämlich erheblich zerfetzt, doch die Aufschrift "Inferno" konnte man noch erkennen. "Nein, tut mir leid", antwortete Ginsbert unsicher. "Hier, unter mir, war der Lufthansastand. Mit welcher Fluggesellschaft wolltet ihr denn fliegen?" - "Ich weiß nicht. Spanien, glaube ich", krächzte das staubige Kind und brach in Tränen aus. Ganz und gar ratlos starrte Ginsbert die wimmernde Wesenheit an. Unbeholfen fischte er mit seinem eingekugelten linken Arm eines der klebrigen Bonbons aus seiner rechten Hosentasche. Das gestaltete sich schwieriger als gedacht, und er machte sich eine gedankliche Notiz, die Bonbons in Zukunft erst vor Ort in ihren klebrigen Zustand zu versetzen. Als er dem kleinen Waisenjungen, dessen Eltern wahrscheinlich leicht verletzt hier irgendwo unter den scharfkantigen Schuttmassen herumlungerten, die dreckstarrende Süßigkeit überreichen wollte, war dieser bereits weiter gegangen. Das Bonbon verschwand hinter Ginsberts fragmentarischen Zähnen und wurde hochnotpeinlich gelutscht, der Mundraum war nämlich Opfer zahlreicher Schnittwunden geworden. Um die anderen Bonbons schloss er wärmend seine Faust.
Ginsbert wanderte den künstlichen Hügel hinab, der einmal der Lufthansastand gewesen war, in eine weitgehend gut erhaltene Schlucht zwischen Plastik, Stahl und Fleisch. Eine Prozession leicht bekleideter Gespenster kam ihm entgegen und er schämte sich ein bißchen, dass er nicht umhin kam, die gut gebauten Körper der Flugbegleiterinnen zu bewundern. Bei einigen hatte freilich die Explosion zu eher gewöhnungsbedürftigen Umbaumaßnahmen geführt. Etwas ungläubig erwiderte Ginsbert den Blick einer dunkelhaarigen, jungen Frau, deren flacher Bauch schweißnass und staubverklebt war und auf den jemand mit verkrustetem Blut das Wort "Shiara" geschrieben hatte. "Mobile phone?" fragte sie mit rauher, brüchiger Stimme. Ginsbert schüttelte unter Schmerzen den Kopf und wollte als Trostpreis ein weiteres Bonbon aus seiner Hosentasche lösen, aber die telefoniersüchtige Stewardess war bereits weiter gezogen. Mit ungebrochen schlechtem Gewissen stierte Ginsbert den Hinterteilen in den meist zerrissenen kurzen Röcken hinterher. Eine Blondine wackelte besonders lustig mit dem Po, um den Höhenunterschied zwischen links und rechts auszugleichen. Kichernd stupste Ginsbert einen leicht verletzten Asiaten an, der es sich an einer schräg von der Decke baumelnden Sitzbank gemütlich gemacht hatte. Seine Sporttasche, adrett um den Hals geschlungen, hatte er ganz frech einfach in der Seitenlehne der Bank verkantet und blieb so - leidlich bequem - in Position. Dem ausdauernden, strengen, konfuzianisch geprägten Blick entnahm Ginsbert, dass sein Verhalten für unangemessen erachtet wurde, und Entschuldigungen murmelnd zog er weiter.
Auf dem Boden einer Halle saßen Yuppies und Rentner, die sich Arme hielten und ölschwitzende Lappen auf die Bäuche drückten. Eine junge Frau im staubgrauen Blazer bestand resolut auf Gleichbehandlung und redete wild gestikulierend auf einen Anzugträger ein, der orangene Pakete unter den Wartenden verteilte. Ginsbert wandte den Blick ab und versuchte einen Weg zu finden, der nicht von Blessuren überquoll. Die Luft roch hier besonders fragwürdig und Ginsbert begann sich zu fragen, ob die Gasleitungen die Zerstörungen unbeschadet überstanden hatten. Sicherlich waren die Stadtwerke bereits informiert. Ginsbert ging weiter und das Gelände wurde wieder rauher, stählerne Drahtkraken griffen nach den Hosenbeinen und öfter als selten brach und rutschte der Boden unter den Füßen. Ölige Soße klebte unter den Schuhsohlen. Ginsbert machte sich eine geistige Notiz, Aktien oder Firmenbeteiligungen lokaler Reinigungsfirmen zu erwerben, weil mit prall gefüllten Auftragsbüchern zu rechnen war, so dreckig war alles. An einem Bücherstand lehnte ein Mann, das Gesicht hinter einer Zeitung verborgen, so dass vor allem viele Details des Unterleibs zu sehen waren, aus dem Schutt ragte seine Jeans aber nur gerade bis zur Gürtelschnalle hervor. Ginsbert tat einige Schritte in Richtung des Mannes, ging in die Hocke und nahm ihm mit den Fingerspitzen der linken Hand die Zeitung vom Kopf. Es war ein junger Mann, dessen dreckiges Gesicht weiße Augenränder in Form einer schmalen Brille schmückten. Langsam wurde Ginsbert einiges klar. Wirklich gelesen haben konnte der Mann die Zeitung gar nicht, sondern hatte sie sich für ein kurzes Nickerchen einfach aufs Gesicht gelegt. Ginsbert hatte ein richtig schlechtes Gewissen, denn jetzt wo der Halle die Decke fehlte, war es tatsächlich ziemlich hell und mit unverdecktem Antlitz war an Schlaf nicht zu denken. Ginsbert drückte dem leicht verletzten Tunichtgut die weit aufgerissenen Augenlider zu, legte die Zeitung zurück, so wie er sie vorgefunden hatte und kletterte weiter seines Weges.
Der Boden wurde freier. Ginsbert stand in einer Ladengalerie und außer den geborstenen Schaufenstern zeugte nichts mehr von der Katastrophe. Menschen waren aber keine zu sehen. Keine Verkäufer, keine Kunden, keine Schaulustigen oder Beamte. Erst nachdem sich Ginsberts Augen an die Sauberkeit gewöhnt hatten, erspähte er beim Eingang zu den Toiletten ein scheu blickendes Gesicht, das sich jetzt hastig zurückzog. Ginsbert war mit derartigen Situationen wohl vertraut, wenn auch mit verkehrter Rollenverteilung, und rief "Polizei!" und dann "Los Jungs, den schnappen wir uns", und trottete drohenden Schrittes auf das Versteck des Feiglings zu. Der war mittlerweile bereits tiefer in die Gemächer geflohen und auf Ginsbert kam die schwierige Entscheidung zu, die Verfolgung im Herren- oder Damenbereich fortzusetzen. Souverän wählte er die mit "Privat" gekennzeichnete Abstellkammer und hatte Glück. Da kauerte er zwischen Eimern und Putzmitteln und Ginsbert konnte erstmals einen guten Blick auf den windigen Wiesel werfen. Sein Hemd war weiß mit schmalen blauen Längsstreifen, das braune Haar militärisch kurz geschoren, seine Schuhe waren elegante beige Sneaker. Wie er da am Boden hockte, zitterte er völlig verängstigt am ganzen Leib und versuchte krampfhaft etwas auf der berührungssensitiven Oberfläche seines Handys einzutippen. Mit selbstsicherer Arroganz entriß Ginsbert ihm das Gerät und warf einen flüchtigen Blick auf das Display. Das flache Abbild eines roten Knopfes war darauf zu sehen, der in regelmäßigen Abständen weißlich zu schimmern begann. Ansonsten ziemlich viel Text, dem Ginsbert keine Aufmerksamkeit schenken wollte. Der junge Mann glotzte ihn dämlich und fragend an. Ginsbert dachte sich: "Ach, was soll's?" und drückte seinen Daumen dort auf den Handybildschirm, wo der Knopf abgebildet war. Und da war es auch schon geschehen: er klebte fest. Er hatte die weichen Süßigkeiten vergessen, die er zum Schmelzen in seiner Faust bewahrte. Jetzt hing das Mobiltelefon an seiner Pranke. Während der Mann offenbar versuchte, seine Kauerstellung bis zur Unkenntlichkeit zu komprimieren, sprang Ginsbert den rechten Arm schüttelnd und schwenkend durchs Kämmerchen. Blut schoss in die Hand und machte alles kribbeln, aber das Handy löste sich nicht. Erst ein Hieb vor die unverputzte Betonwand beendete den Spuk teilweise. Ein im Vergleich des Tagesgeschehens relativ harmloses Knacken tötete den unentbehrlichen Elektronikgefährten weitgehend schmerzlos. Jetzt hingen nur noch Teile des Displays und der Hülle an Ginsberts Fingern, während sich der Rest des Gerätes über den Erdboden ergoss. Nur langsam wurde er der nennenswerten Schmerzen gewahr, die sein hektisches Herumgehüpfe ihm verursacht hatte. Welche Schulter war es noch gewesen, die er sich ausgekugelt hatte? Und aus seinem Oberschenkel sickerte frisches Blut. "Tut mir leid, dass ich Ihr Telefon kaputt gemacht habe", versicherte er dem konsterniert ins Leere starrenden Mann zu seinen Füßen. "Lassen Sie mich bitte leben", fragte dieser vorsichtig an, erhob sich etwas und drehte sich gleichzeitig ein kleines Stück Richtung Tür. "Das steht leider nicht in meiner Macht. Aber wir können diesen Weg gemeinsam beschreiten. Zumindest das bin ich Ihnen wohl schuldig." Dem Mann entfuhr ein kleiner Schrei, den er schnell mit der Hand vor den Mund unterbinden konnte. Ginsbert war skeptisch. Und musste aufs Klo. Eigentlich hätte er die Ausnahmesituation gerne ausgenutzt, um der Damentoilette einen Besuch abzustatten, genierte sich aber vor dem ungewöhnlichen Fremden. Stattdessen stolzierte er in ultra-maskulinem Cowboygang in den Herrenbereich. Kaum hatte er die gekachelte Abbiegung hinter sich gelassen, die den direkten Blickzugang in das Innere Heiligtum verwehrte, hörte er stolpernde Schritte den Sanitärbereich hastig verlassen. Ginsbert wunderte sich über die schieflaunige Feighaftigkeit dieser unhöflichen Kurzbekanntschaft, freute sich aber gleichzeitig darüber, dass wohl keine Schadensersatzforderungen wegen des kaputten Mobiltelefons auf ihn zukommen würden. Eine weitere positive Überraschung hielt für ihn das Pinkeln bereit. Eigentlich war Ginsbert nicht der Typ, der sich allzuviel Gedanken über die Folgen seines Handelns machte. So auch jetzt nicht. Und anstatt wegen klebrigen Bonbonbreis in unsittenhafter Pose die linke Hand mit seiner Unterleibsextremität bis auf weiteres verschmelzen zu lassen, erledigte er seine kleine geschäftliche Transaktion souverän rechtshändig. Offenbar, so Ginsberts freudige Schlußfolgerung, war seine eingangs aufgestellte Auskugelungshypothese falsch gewesen.
Ginsbert machte sich weiter auf die Suche nach einem Ausgang aus dem Flughafenkomplex. Seine Hände hatte er sich gerade, Hygiene im engeren Sinne war ihm wichtig, mit einer großen Flasche Parfüm aus einem der leerstehenden Läden gereinigt. Leider war bald offensichtlich, dass der Bereich mit den Läden, den er eben verlassen hatte, als einziger von den Zerstörungen verschont geblieben war. In einer der zahlreichen schuttbedingten Sackgassen verkündete ein Werbeschild bemitleidenswert hilflos bis ironisch schadenfroh: "Wir machen den Weg frei." Ein billiger Gag des Schicksals, der Ginsbert kaum ein Lächeln abrang. Ein leicht verletzter älterer Herr, der mit einem wassermelonengroßen Stück Stahlbeton eine Kuhle in seinen braunen Hut gedrückt hatte, starrte das Plakat ebenfalls abfällig an. Eine Dame, hoffentlich seine Frau oder Geliebte, drückte, als ob schluchzend, ihr Gesicht tief in seinen Schoß. Ginsberts einzig verbleibender Weg führte zurück in die Abfertigungshalle.