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01/10 2010
Ginsbert gräbt
Das Loch war beinahe fertig. Ginsbert warf erleichtert den Spaten über den Rand der Grube und machte es sich im Schlamm gemütlich. Nur noch ein knapper Meter und seine Falle war einsatzbereit. Der Friedhof auf dem er sich befand war freilich nicht Ginsberts Wunschlokalität gewesen. Die Leute könnten auf falsche Gedanken kommen, wenn sie ihn hier erdverschmiert mitten in der Nacht mit einem Spaten herumspazieren sahen. Vorsicht war demnach angebracht. Die Verkabelung hatte er im Verlauf der letzten Woche Fuhre für Fuhre auf den Friedhof geschmuggelt und im Teich versteckt. Die Elektronik allerdings war anfällig für Wasserschäden und musste deshalb trocken bleiben. Dafür hatte Ginsbert sich etwas ganz besonderes einfallen lassen. In den Todesanzeigen hatte er nach einem geeigneten Kandidaten Ausschau gehalten, das Bestattungsinstitut ausfindig gemacht, und dann voller Inbrunst den verlorenen Enkel beziehungsweise Sohn oder Neffen gespielt und behauptet, der Verstorbene habe darauf bestanden, zusammen mit seiner Amateurfunkanlage bestattet zu werden, was er aber nur Ginsbert, dem verlorenen Neffen oder Sohn, beziehungsweise Enkel anvertraut habe, und Ginsbert habe das Gerät auch jetzt mitgebracht und ob er es nicht eben in den Sarg legen könne? Das Ganze hatte dann nicht vollständig funktioniert und Ginsbert war dann gezwungen gewesen auf seinen Ersatzplan auszuweichen. Allerdings hatten sich die elektronischen Apparaturen dann als zu schwer für das Katapult erwiesen, so dass Ginsbert letztendlich mit einem gestohlenen VW-Transporter der Stadtwerke, die klobigen elektronischen Geräte auf der Ladefläche, durch die Hecke auf den Friedhof gerast war. Zusammen mit einer handvoll kleinerer Accessoires hatte er jetzt alle Komponenten für seine Falle zusammen. Nur das Loch musste noch deutlich tiefer werden. Zufrieden griff Ginsbert wieder zum Spaten.
Eine Stunde später war es soweit. Die Grube war ausgehoben, die Anlage verkabelt und angeschlossen, Auslöser und Spritzschutz an Ort und Stelle, alles war bereit. Nun musste sich Ginsbert um sein Alibi kümmern.
Das Festbankett war ein voller Erfolg. Die High Society vergnügte sich königlich bei Tanz und Delikatessen, bei Konversation und Kokain. Um kurz nach eins gab es einen geringfügigen Aufruhr, als sich ein in dreckige Lumpen gekleideter Kleinbürger Eintritt zu verschaffen versuchte, sich den Weg bis ins Foyer erkämpfte und lauthals "die Frau Baronin" um einen Tanz bat. Anschließend floss der Wein in reißenden Sturzbächen.
Nachdem Ginsbert zum ersten Mal der Räumlichkeiten verwiesen worden war, sammelte er seinen Mut und seinen Anstand und beschloss einen weiteren Versuch zu wagen. Diesmal wollte er den Trick mit der persönlich auf ihn ausgestellten Einladung probieren. Der Kniff an diesem Schelmenstück ist das Vorzeigen einer passenden Einladung zusammen mit einem gültigen Lichtbildausweis. Ginsbert hatte Glück, es schien zu funktionieren, die Anzuggorillas im Foyer, die ihn letztes Mal nach draußen befördert hatten, waren auf einmal handzahm. Doch was war das?
"Es tut mir zwar sehr leid, Herr Ginsbert, aber auch mit Einladung können wir sie in diesem Aufzug nicht herein lassen", sagte der bärtigere der beiden.
"Kann ich mir denn nicht eine Krawatte leihen, oder so?", fragte Ginsbert.
"Es geht nicht nur um...", setzte der Sicherheitsbeamte an, da zog Ginsbert bereits als Zeichen seines guten Willens die Jeans aus den Gummistiefeln. Das untere Ende war durchgeschwitzt und verknittert, außerdem hatte sich ein gewisser Lehmvorrat in den Stiefeln gesammelt, den Ginsbert jetzt zu seinen Füßen auf dem Marmorboden verteilte. "So, schon besser! Und das Jackett kann ich mir doch von Ihnen leihen", schlug Ginsbert vor, während sein Gegenüber mit halb geöffneten Mund auf den Fußboden starrte. Der Kollege fing an zu kichern. Auch die wenigen Gäste, die sich hier im Vorraum aufhielten, lachten los. Die Sicherheitsleute hatten sich aber schnell wieder unter Kontrolle, wechselten einen kurzen Blick und packten dann rechts und links nach Ginsberts Armen. Der jedoch war diesen Griff schon gewohnt und ließ sich nichts anmerken. Stattdessen rief er in Richtung Saal: "Frau Baronin, darf ich um diesen Tanz bitten?!" Ginsbert erntete nur Gelächter und wurde mit einem letzten Schubser unsanft vor die Tür befördert.
Nur von draußen durch die Glastüren konnte Ginsbert beobachten, wie eine wunderschöne Frau in einem himmelblauen Kleid ins Foyer gesegelt kam, und mit mahnendem Zeigefinger auf die pflichtbewußten Türsteher einredete. Der Bärtige erwiderte etwas, und blickte hilfesuchend zu seinem Partner, dessen Augen aber auf die dreckverschmierten Bodenplatten gerichtet waren. Langsam knöpfte er seine Anzugjacke auf, zog sie aus und ging Richtung Ausgang. Ginsbert legte das triumphale Ätschibätschgesicht auf, dass er von dem einarmigen Eichhörnchen gelernt hatte, welches immer sein Esspapier stahl. "Es tut mir sehr leid, Herr Ginsbert. Kommen Sie doch bitte herein. Darf ich Ihnen meine Jacke leihen?", sagte der Sicherheitsmann zerknirscht, und hielt die Tür auf. Ginsbert nahm die Jacke, trat ein und blickte in das engelsgleiche Gesicht seiner Retterin. Es wurde ein spaßvoller Abend.
Als am nächsten Morgen der versammelte Vorstand des Friedhofsvereins auf Einladung der Polizei der Tatortbesichtigung beiwohnte, war man entsetzt. Was war das nur? Was zur Hölle war das nur, da unten in der Grube, für eine Apparatur?