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28/09 2010
Ginsberts Think-Tank
Kalter Nebel legte sich langsam auf Ginsberts Finger, die auf der schlampig abgewischten Oberfläche seines Küchentisches ruhten. Er hatte ihn nach draußen auf die Straße getragen, einen dreckig weißen Plastikstuhl dazu gestellt und sich — darauf Platz nehmend — zum Denker erklärt. Eine traurige Passantin fluchte über Ginsberts kleinen Think-Tank, weil für ihren Zwillingskinderwagen auf dem Bürgersteig nicht mehr genug Raum zur Verfügung stand. Ginsbert empfohl ihr, sich für die Sitzkonfiguration ihres Gefährts an modernen Angriffshubschraubern zu orientieren, bei denen die Besatzungsmitglieder hintereinander und leicht höhenversetzt positioniert sind. Mit diesem praktischen Denkanstoss hatte Ginsberts kleiner Think-Tank bereits im Moment seiner Etablierung einen ersten Erfolg vorzuweisen. Damit die derart beschämte Frau ihr Gesicht wahren konnte, zog Ginsbert vorläufig den Plastiktisch ins Treppenhaus zurück und ließ ihr klobiges Konstrukt passieren.
Zwölf Minuten später verkündete Ginsbert eine weitere Erkenntnis. Eine ältere Dame zeigte sich empört.
Es sollte Stunden dauern bis Ginsbert der nächste Geistesblitz traf. Danach wurde er hungrig und müde, konnte sich nicht richtig entscheiden, erhob sich magenknurrend und gähnend und kickte frustriert den Plastikstuhl auf die viel befahrene Straße vor ihm. Manche Autounfälle gefielen Ginsbert, dieser war jedoch nicht nach seinem Geschmack. In einem Taumel aus Heißhunger, Angst und Rastlosigkeit stürmte er davon. Einem Kiosk entriss er eine Box mit Haribolakritze, die er hasste, aber aß. Ein schludrig verwinkeltes Gewirr aus kleinen Gässchen entsponn sich vor seinen Augen. Er musste einen Fluchtweg planen, für den Fall, dass er verfolgt wurde. Rennend ließ er seine rechte Hand an der Backsteinmauer entlanggleiten, um ein Gefühl für den Ort zu bekommen. Es tat weh und blutete. Wenn die Frau aus der Nachrichtensendung Recht hatte, dann stürzte dieses Land langsam in den Abgrund, also mußte Ginsbert einen Weg finden, von hier zu verschwinden. "Moment", dachte Ginsbert, "ein langsamer Sturz? Potztausend, welch Widerspruch!" Die Luft roch nach Eisen und hinter sich konnte Ginsbert die Hundemeute bellen hören, die sich an seine Fersen heftete. Seine Lungen ächzten mit jedem Schritt und seine Beine gierten nach Ruhe. Ungefähr auf Höhe der Sparkasse sah sich Ginsbert gezwungen, gehetzte Blicke nach hinten zu werfen, so dass seine Füße, die in dreckigen Gummistiefeln steckten, die Bordsteinkante verfehlten, und Ginsberts Augen, während sich sein Gesicht wieder gemäß Laufrichtung justierte, nun den grauen Asphalt wie in Zeitlupe auf sich zustürzen sahen. Aha!
Die hübsche Krankenschwester begrüßte Ginsbert mit einem Lächeln. Ginsbert begrüßte die hübsche Krankenschwester mit einem Lächeln. Ginsbert hatte Schmerzen beim Lächeln. Die hübsche Krankenschwester flüchtete. Ginsbert erhob sich aus seinem Krankenbett. Ginsbert hatte Schmerzen beim Erheben aus seinem Krankenbett. Ginsbert versuchte aufzustehen. Ginsberts Versuch aufzustehen schlug fehl. Ginsbert lag jetzt neben seinem Krankenbett in seinem Krankenzimmer auf dem Fußboden. Ein Mann rannte in Ginsberts Krankenzimmer. Ginsbert kannte den Mann, der in sein Krankenzimmer gerannt kam. Der Mann, der in Ginsberts Krankenzimmer gerannt kam, hieß Klaus und arbeitete für die Polizei. "Der gute Klaus. Wahrscheinlich passt er schon seit heute früh auf, dass ich nicht aus meinem Krankenzimmer wegrenne", dachte Ginsbert. "Als ob!" Ginsbert mußte grinsen. Ginsbert hatte große Schmerzen beim Grinsen. Klaus beugte sich über Ginsbert. Sein Gesicht zeigte Anzeichen von Hunger und Müdigkeit. "Der gute Klaus. Wahrscheinlich hat er schon seit heute früh nicht mehr geschlafen oder gegessen", dachte Ginsbert. "Verschissene Kacke, das ist das letzte Mal, du verkackter Penner. Bleib doch einfach mal liegen", sagte Klaus und half Ginsbert zurück ins Bett. Ginsbert hatte große Schmerzen beim Insbettzurückgeholfenwerden. Die hübsche Krankenschwester betrat Ginsberts Krankenzimmer. Ginsbert lag in seinem Krankenbett in seinem Krankenzimmer in einem Krankenhaus. Die hübsche Krankenschwester gab Ginsbert mit einem Lächeln eine Spritze.
Die nächsten Wochen gestalteten sich für Ginsbert als die ihm bekannte Mischung aus Wonne und Agonie. Letzteres insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass die Müllabfuhr seinen Think-Tank zerschlagen hatte. Weggeschleppt und abgeschafft, einfach so und mit dem Segen der Anwohner. Wonne hingegen bereitete Ginsbert eine Doku über Militärhubschrauber auf N24.