Teil VIII: Finale

„Mein letzter Rückweg in die Zelle, Norbert.“ - „Also hast Du Dich in ihre Hände begeben.“ - „Ja, ich hatte keine Wahl, leider. Sie haben Schmidt einen Beleg mitgegeben, für den Widerruf und die Information über ihre Operation, weißt Du? Den hat..“. Nicht zum ersten Mal seit sie miteinander sprachen unterbrach ihn Norbert mit schallendem Gelächter. „Einen Beleg über den Widerruf. Das war schon ein Gag, als ich noch dort war, Tenner.“ Elias schaute Norbert mit weit aufgerissenen Augen an und wartete auf eine Erklärung für diesen Einwurf. „Es gibt dieses Formular nicht, Elias. Du wirst nicht mehr danach fragen, vielleicht kannst Du es nicht einmal mehr. Weil Du es nicht mehr wollen kannst.“ Elias blieb stumm. „Ich kann es nicht mehr wollen? Was – ist es, nein. Kann es....? Hat es etwas mit dem Implantat zu tun?“ - „Wenn es immer noch ein Implantat ist, ja. Ich dachte, die wären da mittlerweile weiter.“ Stumm erschrocken drehte sich Elias um sich selbst und sackte auf sein Bett. Doch je länger er dort saß, desto weniger wusste er noch, warum er in dieser Haltung hier saß. Es wirkte auf einmal so verzweifelt auf ihn, dafür gab es doch keinen Grund. Er setzte sich wieder auf und schaute Norbert Greifsmann an: „Ich werde heute noch entlassen“, sagte Elias fröhlich. „Und was hat man Dir nicht gegeben?“ - „Mir fehlt nur noch ein Papier, das soll ich aber erst bekommen, wenn ich auch meine Sachen habe.“ - „Siehst Du, es ist weg.“ Norbert Greifsmann stand eine Träne im Auge, die er ärgerlich beiseite wischte. Bei allem Sinn für Gerechtigkeit, er wollte nicht für einen verurteilten Kindermörder weinen. Doch noch bevor er diesen Satz zu Ende denken konnte, wurde die Tür barsch aufgestoßen und drei Wachmänner sicherten den Raum mit gezogener Schußwaffe. „Norbert Greifsmann?“ - „Ja, das bin ich.“ - „Mitkommen!“ - „Ich komme mit, ja. Ich hatte das längst befürchtet. Ihr seid langsam geworden.“ Er wandte sich noch einmal Elias zu und blickte ihn an: „Pass auf Dich auf, Elias!“ Dann zogen ihn die Bewaffneten auf dem Raum und schlossen die Tür zum letzten Mal hinter Elias Tenner zu. Noch am Nachmittag erhielt er sein Hab und Gut und stand vor dem Tor der Haftanstalt.

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Nicht sein Mentor hatte Elias abgeholt, sondern ein Bus. Er war allein in einem großen Reisebus mit vergitterten Fenstern in einen Komplex gefahren, der durch hohe Mauern und ein Tor von der Außenwelt getrennt war. Seine Sachen durfte er immerhin mitnehmen. Ein kleines Appartment, mehr nicht. Eine Wohnküche mit einem angeschlossenen Bad. „Immerhin das“, dachte Elias und war verwundert über die Leere in seinem Kopf. Er fühlte wie heute nachmittag einen plötzlichen Kopfschmerz und legte sich auf das bequeme Bett. Diese stand in einer Ecke des Zimmers und war mit einem Vorhang vom Rest seines neuen Reiches zu trennen. Elias wälzte sich unruhig auf der Matratze hin und her. Er hatte den Eindruck, dass das Hinlegen alles nur noch schlimmer gemacht hatte. Was war in da los in seinem Kopf? Diese Ruhe war unerträglich. Im Gefängnis war es ihm vielleicht gar nicht so sehr aufgefallen, dort hatte er mit Norbert reden können, doch jetzt? Es war vollkommen dunkel hinter seinem Vorhang und vollkommen still. Elias horchte voller Panik tiefer in sich hinein. Hilf mir! Die Kopfschmerzen wurden mit jedem Moment auf dem Bett immer schlimmer. Da presste sich die Stimme unter den Kopfschmerzen hervor und keuchte: „Ich ... bin ... noch ... da ...“ Elias stöhnte als ein stechender Schmerz vom Kopf durch den Körper fuhr, der ihm kurzzeitig die Luft zum Atmen nahm. Er war dennoch froh. „Ich verstehe das alles nicht. Jetzt bin ich hier und weiß gar nicht, wohin ich gehöre. Ich möchte nicht so allein sein, das wäre nicht gerecht. Dafür habe ich doch..“ - „Argh. Jetzt willst Du wieder abschließen? Alles weg, alles egal? Denkst Du, dass es so einfach wäre, Elias Tenner?“ - „Sie haben meine Haftprüfung doch positiv beschieden.“ - „Pro forma. Weil Du das Risiko nicht tragen willst, tragen Sie es. Und das eine kann ich Dir sagen: Sie bringen es zu Ende.“ - „Sie bringen es nicht zu Ende, die geben mir eine neue Chance.“ - „Geblendet. Das bist Du. Nichts als geblendet – ich habe es Dir gesagt: Deine Zukunft liegt ausschließlich in der Vergangenheit, vergiß das niemals.“ Die letzten Worte hatten seinen Kopf wie ein lautes Brüllen von der Lautstärke eines Wasserfalls oder einer startenden Turbine erfüllt und hinterließen ihn gleichzeitig ratlos. Welchen Abschnitt, welche Zeit der Vergangenheit meinte der Teil von ihm, der sich nicht beruhigen konnte? Elias wühlte in seinen Gedanken. Er kämpfte sich durch seinen Kopf. Ein leichtes Nasenbluten irritierte ihn, genauso wie die sich immer noch steigernden Kopfschmerzen. Sein Herz bekam es ebenfalls mit der Angst zu tun, schlug mal schneller, dann wieder schien es aussetzen zu wollen. Elias stocherte nach Erinnerungen in seinem Kopf und doch drang er immer nur in neue Nebelschwaden vor. Er gab nicht auf, grub tiefer und sah schließlich, wie sich ein Kopf vor ihm manifestierte und ihm zurief: „Hör auf!“ Er hörte es nur noch leise. Der Nebel schien sich auch in seinem neuen Zimmer auszubreiten, die Augen konnten nur noch ein kontrastarmes Bild liefern. Er sah seinen besten Freund von damals. Endlich wieder so, wie auf dem Foto, das er damals eingesteckt hatte. „Such nicht weiter, mein Freund. Such nicht weiter, Elias!“ Beim Versuch sich aufzusetzen wurde Elias schwindlig. „Du bist noch nicht so weit, bitte tu es nicht.“ Elias lächelte, endlich sah er seinen Freund wieder mit der so freundlich-motivierenden Miene, mit der er ihn unbedingt hatte behalten wollen. Er hatte es geschafft. Elias bemerkte erst jetzt, dass er immer noch auf seinem Rücken lag und sich nicht aufgesetzt hatte. Mit einem Mal begann er zu husten und spuckte Blut, verschluckte sich daran. Das Nasenbluten wurde stärker, doch Elias konnte immer noch nicht aufhören, in seiner Vergangenheit zu bohren. „Meine Zukunft liegt in der Vergangenheit. Was bedeutet das? Was bedeutet das? Was, verdammt bedeutet das?“ Schwärze umhüllte ihn nun völlig, der Nebel im Zimmer nahm ihm die Luft zum Atmen. Kroch in seine Lunge und füllte sie wie ein stickiger Schaum. Wieder spuckte Elias Blut aus, konnte sich nicht mehr umdrehen. Bemerkte seine Lage nicht mehr. Schließlich lag er starr ausgestreckt. Ab und an zuckte der leblose Körper noch. Doch dann, nach langen Sekunden zeigte sich ein Lächeln auf dem Gesicht.

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Elias sank an den Kacheln der Badewanne zu Boden. In den Händen hielt er den Kopf seiner Frau und blickte auf die weiße Haut ihres Gesichts und die dünnen, mittlerweile trockenen Rinnsale aus Blut. Wie Spinnenfäden bedeckten sie Mund, Nasen und Ohren. Er weinte. Weinte. Lehnte sich an die Badewanne, erhaschte einen letzten Blick auf die stummen, angsterfüllten Gesichter der beiden Kinder in der Badewanne. Strich seiner Frau die Haare aus dem Gesicht. Zusammengesackt blieb er mit ihr und den Kindern liegen, nach langer Zeit und schließlich für immer. Oder hatte er hier schon die ganze Zeit gelegen?

 

(von Karl Szwillus)