Teil V: Konsequenzen

„Und? Hast Du unterschrieben, Tenner?“ - „Ja.“ - „Das war dumm. Aber vielleicht ist nicht alles zu spät, vielleicht kann ich Dir noch helfen.“ - „Wobei helfen?“ - „Nun, mit der falschen Unterschrift hast Du Ihnen den Rest Deines Lebens verkauft. Oder Du bleibst hier.“ - „Ich bin jetzt müde. Sprechen wir später, ja? Es strengt mich zu sehr an.“ Norbert Greifsmann blickte ihn erstaunt an, doch an Stelle einer Reaktion knurrte er nur leise und drehte sich auf seiner Liege um. Elias sank auf sein Bett und hatte das Gefühl, dass ihn allein das Gespräch mit Gutmann so müde gemacht hatte, wie ein langer Arbeitstag im alten Leben. Überhaupt. Das alte Leben. Es war so präsent geworden, als hätte es auch heute noch eine Bedeutung. Oder war das eine Tatsache? Hatte Kevin Gutmann in seinem Computer wirklich eine Chance für ihn dabei? Dreifacher Mord. So war es heute auf dem Display erschienen. So stand es in seiner Akte, das war sein Leben. Niemand wusste mehr etwas über den jungen Mann, der so erfolgreich im Job war. Der eine wunderschöne Frau geheiratet hatte und mit ihr zwei intelligente und niedliche Kinder aufgezogen hatte. Vielleicht, so dachte er, war das auch ein noch älteres Leben. Doch mit all dem Reden kam es ihm wieder näher. Es war, als bräche es in sein Hier und Jetzt ein und versuchte, sich wieder einen Platz zu erschwindeln. „Was heißt denn hier schwindeln?“ - „Es ist vorbei. Es muss vorbei sein. Hast Du nicht noch gesagt, darin betünde meine Chance?“ - „Wird es wieder passieren?“ Entsetzt blickte Elias ins Dunkel. Er musste eingeschlafen sein, jetzt war es tiefste Nacht. Sein Herz schlug schnell. Wie ein Tier, dass den Käfig zertrümmern wollte, in dem es gefangen gehalten wurde. Er war schweissgebadet und konnte vor lauter Zittern nicht einmal nach dem Lichtschalter tasten. Wieder die typischen Bewegungen. Die Hände zum Kopf. Die Hände zur Hüfte, das Abtasten des Halses auf der Suche nach dem Puls. Dabei hämmerte das Blut durch seinen Körper, es raste in die entferntesten Gliedmaßen, es raste in den Kopf. So, dass er es hören konnte. „Er hat von Deiner Zukunft gesprochen, weißt Du nicht mehr? Deine Zukunft aber...Deine Zukunft liegt auch in der Vergangenheit. Es gibt keine Zukunft, ohne dass Du akzeptierst. Ohne, dass Du es immer wieder an Dich heranlässt. Und Du weißt genau, dass es sich jedes Mal wieder so anfühlen wird, als würdest Du es wiederholen. Wieder und wieder. Das ist Deine Zukunft, vergiss das nicht! Deine Zukunft liegt in der Vergangenheit.“ Elias atmete durch und versuchte, Bilder und Gedanken zu stoppen. Er war sich nach seinem Gespräch mit Norbert nicht sicher, ob die Stimme damit Recht hatte. Ein anderer Gedanke beschäftigte ihn weitaus mehr: Würde das Aufwachen aus diesem Alptraum der letzten 12 Jahre, würde die Rückkehr in die Welt jedes Mal mit diesen Schmerzen verbunden sein? Völlig egal, wer nun Recht hatte? Wo war all das in den letzten Jahren gewesen? Und wie schaffte es ein Mensch wie Gutmann all das wieder hervorzuholen? Seine letzte Chance? Bot ihm Gutmann wirklich eine Chance an? Oder war er die letzte Strafe, die er zu akzeptieren hatte? So, wie Greifsmann, dessen fünfjähriges Schweigen er treu erduldete. So, wie er die Ärzte ertragen hatte, die ihn nur zugedröhnt auf dem Bett hatten vegetieren lassen. So, wie er die ganze verdammte Ungerechtigkeit ertragen hatte, nachdem Sie sich in seine Angelegenheiten eingemischt hatten, ohne ihn zu verstehen. „Nein, dass ist es nicht. Es ist keine weitere Strafe, es ist Deine letzte Chance. Deinen Frieden musst Du selbst mit Dir machen – da kann Dir keiner helfen. Deine selbstgewählten Strafen mit allem multipliziert, was sie Dir aufgebürdet haben, sind nichts, gegen das, was Du selbst verbrochen hast. Ich spucke auf Dich und Dein Selbstmitleid. Komm klar!“ Wieder und wieder riss er an seinen Haaren, sie glitten ihm fettig durch die schweißnassen Hände. Er fasste sich ans Herz, spürte den Schmerz in seinem Arm, in seinen Lungen, in seinem Rücken. Seine Hand, die er an die Brust gelegt hatte, wurde zittrig, kribbelte mit einem Mal. Er war sich nicht sicher, ob er sie noch halten konnte. Nein. Er konnte es nicht. Er fingerte auf dem Nachttisch nach einer Plastiktüte, atmete in die zittrigen Hände. Sein Puls wurde immer schneller. Er versuchte tief durchzuatmen, doch er atmete nur gegen den Rhythmus seines Körpers. Brennender Schmerz durchzuckte seine Lungen, sein Herz schien selbst in Panik geraten. Vielleicht versagte es trotz seiner Geschwindigkeit beim Transportieren des Sauerstoffs. Dann schlief er ein.

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„Du scheinst gut Bescheid zu wissen, Norbert“, begann Elias in seinem gewohnt lakonischen Ton, der genauso sehr an ihn selbst gerichtet war, wie an sein Gegenüber. An die Antworten vom Anderen war er nach so kurzer Zeit noch nicht gewöhnt. „Und noch etwas: Ich kann mir nicht vorstellen, dass das baldige Ende meiner Strafe der einzige Grund ist, dass Du mit mir sprichst.“ - „Du musst einmal ein schlauer Mann gewesen sein, Tenner.“ - „Bitte, nenn' mich Elias“, sagte dieser, als er tatsächlich eine Antwort von Norbert hörte. Seinen Vornamen hatte Elias bestimmt seit einem Jahrzehnt nicht mehr vernommen. Das elementare Vertrauen, welches damit verbunden war, das wollte er endlich wieder einmal spüren. „Mal sehen, Tenner.“ - „Bitte, beantworte meine nächsten Fragen auch, es ist wichtig für mich. Heute treffe ich ihn wieder und ich möchte nicht noch einmal einen Fehler machen. Schmidt und Du. Ihr habt gesagt, es ist meine letzte Chance.“ - „Ja, das ist es auch. Und ich habe Dir auch schon gesag, dass es eine Chance mit Widerhaken ist.“ - „Gut, dann fange ich an. Welche?“ - „Das kann ich Dir nicht genau sagen, denn dafür sitze ich schon zu lange hier drin.“ Norbert pausierte und schaute sich mit verschwörerischem Blick um, bevor er weitersprach: “Aber sie konnten schon Menschen töten, als ich in den Bau gewandert bin.“ - „Sie können Menschen töten?“ - „Nun tu' nicht so erstaunt.“ Im Dialog entstand eine neuerliche Pause. Im Gegensatz zu gestern löste die Erinnerung an sein Vergehen aber nicht mehr aus, als genau diese Unterbrechung. Die nächste Welt schien nun noch wichtiger. „Er hat von meinem Leben in Freiheit gesprochen, von Plänen, von Zukunft.“ - „Ja, natürlich. Er will Dir etwas verkaufen. Er ist ein großer Illusionist, mehr nicht.“ Norbert machte wieder eine Pause und legte seine Stirn in Falten: „Eigentlich ist es viel schlimmer. Denn er lässt Dir nicht einmal wirklich eine Wahl. Damit dreht er Dir am Ende sogar das Gegenteil von Freiheit an.“ - „Was redest Du da für Zeug? Was ist das für ein Mensch? Ein Monster? Ein Betrüger? Du tust ja geradzu so, als würdest Du das wissen.“ - „Hat er sich nicht vorgestellt, Tenner?“ - „Nein, nicht wirklich. Er hat die Darmstädter Leben erwähnt, für die er arbeitet. Sie sollen sehr gute Quoten bei der Haftprüfung erzielen...“ Norbert unterbrach ihn mit einem schallenden Lachen. „Was glaubst Du denn auch? Sie übernehmen das Risiko – hat er das auch gesagt? Es ist eine pro-forma Prüfung, wenn Du unterschrieben hast.“ - „Nein, das hat er nicht gesagt.“ - „Pass auf. Du hast keine Ahnung. Deshalb hör' mir jetzt gut zu, OK?“ Elias nickte. „Ich habe gerade gesagt, Du hast keine Wahl – aber das stimmt nicht. Du könntest hierbleiben. Die anderen Vertreter haben abgesagt, richtig? Damit ist er Deine einzige, wenn auch kleine Chance. Es gibt keine wirkliche Haftprüfung durch den Richter mehr, der Staat hat dieses Risiko abgegeben und überlässt es nun privaten Versicherungsunternehmen. Dass die Typen hier aufgetaucht sind, heißt: Du bist hier so gut wie raus. Wenn Du einen Vertrag unterschreibst. Und das solltest Du nur in dem Fall tun, dass Du genau weißt, was Sie Dir dafür anbieten.“ - „Was heißt das alles? Ich dachte, dass Richter unabhängig...“ - „Blablabla. Ja. Sind sie auch. Richter kümmern sich nur noch um die Strafprozesse, der ganze Rest ist an die freie Wirtschaft gegeben worden. Es gibt keine Bewährungshelfer mehr. Auch Kevin Gutmann ist nicht Dein Bewährungshelfer, er ist Verkäufer. Sie werden Dir irgendeinen elektronischen Wachhund geben, der Dich überall hin begleitet. Sie wissen immer, wo Du bist, was Du tust und mit wem Du zusammen bist. Natürlich wird das Ganze nur anonymisiert ausgewertet, solange Du nirgendwo auffällst. Aber dann! Dann bist Du fällig. Und weißt Du was? Schon zu meinen Zeiten genügten ein Parkticket vom Ordnungsamt oder eine simple Lüge und sie haben Dein Leben von vorne bis hinten unter die Lupe genommen.“ - „Sie? Versicherungen? Und was heißt, der Staat hat das Rechtswesen abgegeben?“ - „Nun. 2013 ging es dem Staat nicht besonders.“ Er bemerkte das atemlose Nicken von Elias, den das an die Geschichte von Gutmann erinnerte. Gespannt dachte er, dass dieser dann offenbar zumindest nicht gelogen hatte. Norbert sprach weiter: „Und nachdem im Jahr zuvor schon die Rentenkasse privatisiert und zusammen mit der Sozialhilfe an Investoren gegangen war, wurde weiter verscheuert. Sie haben ein Gesetz durchgewunken, was den Staat für Dich de facto auflöst. Die Pflichtversicherung gegen Rückfall für entlassene Straftäter. Bezahlt wird das Ganze wie die Krankenversicherung, direkt vom Lohn. Und dafür bürgt die Versicherung für Dich. Es gibt Kurse, Unterstützung und Betreuung im Krisenfall.“ Nobert pausierte, um seine Worte wirken zu lassen. „Dafür hast Du mit der Polizei nie wieder etwas zu tun. Weil Sie immer schneller wären.“ - „Sie wären schneller als was, Norbert?“ - „Schneller als Deine Gedanken, nehme ich an. Schneller als Deine Ahnungen.“ - „Precrime? Sind wir im Minority Report? Oder sagt ihnen MULTIVAC, dass ich ein Verbrechen plane?“ - „Ja, genau. Genau. Du bist auf der richtigen Fährte, aber es ging in der Realität um etwas ganz anderes, als bei diesen politisierten Schutzaposteln.“ - „Um was geht es denn?“ - „Geld. Es wird nicht der Staat geschützt, es wird nicht der Einzelne geschützt. Es geht überhaupt nicht um Schutz. Es geht um Geld. Jeder Häftling wird Kunde und bringt fast risikolos Geld, weil sie jeden Einzelnen als erstes so zurecht stutzen, dass sie nur noch funktionieren können. Die nehmen Dir Dein ganzes Lebensrisiko ab. Und das so komplett wie es ihnen nur möglich ist – Du weißt doch, womit Versicherungen ihr Geld verdienen?“ - „Risiken abzusichern, sie schützen im Schadensfall oder nein, sie ersetzen den entstandenen Schaden.“ - „Das ist das, was wir glauben sollen, Elias. Das ist, was sie allen erzählen und vielleicht war das sogar eines fernen Tages so. Aber in Wahrheit war es schon schon immer ein Geschäft mit der Angst. Und jetzt übernehmen sie dich. Mit all Deinen Ängsten und möglichen Sorgen.“ Elias kicherte vor sich hin und schien aus der Unterhaltung mit Norbert abzugleiten. „Du sprichst doch genauso wie sie“, er setzte sich im Bett auf: „Alle Ängste und Sorgen. Kein Mensch weiß, welche Ängste ich durchstehe. Welche Sorgen ich habe, auch nicht der verdammte Staat. Weißt Du was? Es ist mir vollkommen egal, ob ich für Geld einem Staat gehöre oder einer Scheiß-Versicherung, das spielt doch überhaupt keine Rolle. Keiner hat verstanden. Keiner hat mir jemals auch nur zugehört. Scheiß' doch auf die Versicherungen und scheiß' doch auf Deinen Staat. Ich habe Ängste, gegen die mir niemand hilft. Dein feiner Staat hat mich hierhin gebracht. Und wem gehöre ich hier? Sie haben mir nicht zugehört. Einfach nie zugehört!“ Müde sackte er zusammen und bemerkte Norberts Augen auf sich ruhen. „Ja, ich bin einer von ihnen gewesen. Und Du hast verdammt Recht gehabt, als Du gesagt hast, dass ich mehr als einen Grund haben muss, mit Dir zu reden. Ich rede mit Dir, weil ich einer von Ihnen war, Tenner. Und weil Sie es waren, die mich hier hineingebracht haben. Und zwar wegen einem verrückten Arschloch wie Dir!“, zum Schluß brüllte Norbert Elias an. „Ich bin müde“, antwortete der nur. „Ich auch“, erwiderte der Alte.

 

(von Karl Szwillus)