Teil VII: Das zweite Gespräch

Am nächsten Morgen erwachte Elias mit einem Gedanken im Kopf, der ihm sagt: „Siehst Du.“ - „Sehe ich was?“ - „Deine Zukunft. Merkst Du nicht, wie nah sie die Vergangenheit bringt?“ Elias verstand nicht und schüttelte den Gedanken aus dem Kopf. Heute hatte er erneut einen Termin mit Gutmann und wollte nicht zu spät oder verwirrt erscheinen. Schmidt hatte bereits an ihrer Zellentür geklopft. Leider schlief Norbert noch, er hätte trotz ihres gestrigen Streits gern noch mit ihm gesprochen. „Ja, Herr Schmidt. Ich komme schon.“ Er war ansonsten vollkommen ruhig und eher positiv gespannt in Angesicht des Termins. Auch wenn von seinem Traum noch eine lebhafte Erinnerung übrig war, so hatte er doch keine Stimmen bemerkt, die ihn kommentierten. Ja, er hatte nicht einmal das Gefühl gehabt, dass ihn Angst oder Panik beim Anschauen seiner eigenen Taten überkämen. Die Gedanken aus dem Gespräch mit Norbert waren dagegen noch sehr präsent. Elias wollte wissen, ob Kevin Gutmann Antworten für ihn hatte, die das Unglaubliche abschwächen konnten, was er von seinem Zellengenossen gehört hatte.

..

Der gutgelaunt lächelnde Kevin Gutmann stand wieder auf und begrüßte Elias überfreundlich. „Herr Tenner“ und streckte ihm die Hand entgegen. Diesmal begegnete ihm Elias bewußt reserviert, setzte sich direkt auf den Stuhl gegenüber von Gutmann, verschränkte die Arme vor der Brust und wartete, dass das Gespräch begonnen wurde. Nichts an ihm zeigte Unsicherheit. Er fühlte auch keine Schwärze in sich aufsteigen und er wusste jetzt, dass er hier nichts zu befürchten und nichts zu gewinnen hatte. „Sie schauen so...wie soll ich sagen?“, es folgte eine längere Pause, „Skeptisch. Ja, das trifft es.“ - „Mag sein.“ - „Haben Sie weitere Fragen zu Ihrem neuen...“ - „Meinem neuen Leben in Freiheit?“ Elias bemühte sich um einen sarkastischen Tonfall und fuhr fort: „Gut, dass Sie gerade danach fragen. Ich habe nämlich genau eine Frage.“ Elias machte eine Atempause und ergänzte sein Anliegen ruhig: „Wie definieren Sie bei der Darmstädter Leben denn Freiheit?“ - „Nun, ich habe Ihnen ja bereits beim letzten Mal einige Details genannt, nicht wahr? Ihr Arbeitgeber hat uns beauftragt und einen Termin für Sie ausgemacht. Für Sie bedeutet das, dass Sie in Ihr altes Leben zurückkehren können und wieder im Einkauf arbeiten werden.“ - „Mein altes Leben? Sie machen Witze!" Elias brauste auf und spach laut weiter: "Werde ich wieder in meinem Haus wohnen? Und sind meine Frau und Kinder dann auch wieder da?“ Nervöse Gesichtsausdrucke wechselten sich bei Kevin Gutmann ab, während Elias ihn offensiv anstarrte. Auf ihn machte es den Eindruck, als würde der Vertreter zwischen den Möglichkeiten abwägen, entweder alles abzusagen und den Raum zu verlassen oder Elias bis zum Ende seiner Tage einzuweisen. Doch er schaffte es wieder, ein Lächeln aufzusetzen, dem nur noch ein Rest Nervosität anzusehen war: „Nein. Ich bemerke aber auch, dass Sie diese Frage nicht wirklich ernst gemeint haben, nicht wahr?“ Er lachte. „Denn ich glaube, das Eine haben Sie längst verstanden: Wir geben Ihnen etwas besseres: Die Chance, Ihr Leben neu in die Hand zu nehmen.“ - „Nun tun Sie doch nicht gleich so, als wäre meine Frage komplett abwegig. Nehmen wir zum Beispiel einen Wunsch, dass nun... Nun, ich möchte nicht den Rest meines Lebens allein bleiben. Und Sie können es vielleicht nicht verstehen: Aber ich habe meine Frau immer geliebt. So, wie sie mich.“ Jetzt begann das Gespräch für Kevin Gutmann mit dem emotional aufgewühlt wirkenden Elias an seine Grenzen zu gehen, doch er war professionell trainiert und kannte diese Situationen kurz vor einer Entlassung gut. „Herr Tenner? So beruhigen Sie sich doch! Viele Klienten wünschen sich, dass ihr altes Leben nach der Entlassung wiederhergestellt wird, wir kennen das. Und genau deshalb werden Sie Ihre ersten Schritte in der Freiheit mit einem Mentor machen. Einer Person, die ihren Wiedereintritt bereits hinter sich hat und Ihnen von Anfang an zur Seite steht. Er wird Ihnen zeigen, wie Sie in Gruppen, Vereinen und im Sport wieder Fuß fassen können – und bitte vergessen Sie eines nicht! Ihnen bleibt immer noch die Arbeit. Sie werden von Beginn an mit Kollegen zu tun haben, jeden Tag mit Menschen zusammenarbeiten und auch so wieder in ein normales Leben zurückfinden.“ Kevin Gutmann machte eine Pause und sah, wie Elias sich eine neue Entgegnung zurecht legte, daher sprach er umgehend weiter: „Ihr Mentor wird übrigens Adam Skelsky.“ Der letzte Satz verfehlte seine Wirkung nicht. Elias schaute vom Tisch hoch und blickte Gutmann mit offenem Erstaunen an. „Ich, Sie, ich meine Sie haben schon einen Mentor für mich?“ - „Ich habe noch viel mehr. Hier sind Ihre Papiere“, er wedelte mit einem Stoß Blätter durch die Luft und zeigte sie Elias. „Gerade jetzt werden Ihre Habseligkeiten aus dem Magazin geholt und Ihre Zelle geleert. Wenn Sie die letzte Unterschrift leisten, dann gehen Sie noch heute abend in Ihr neues Bett in der Wohnung.“ - „In welcher Wohnung?“ - „In einer Wohnung für Sie ganz allein. Sie werden für die ersten Tage eine Unterkunft in der Nähe von unseren Trainingsräumen beziehen. Sie haben die Wohnung ganz für sich. Auch die wird übrigens in diesen Minuten hergerichtet.“ Kevin Gutmann blätterte durch den Stapel Papiere und fächerte schließlich drei Formulare auf dem Tisch auf. Ganz obenauf lagen die Entlassungspapiere, mit denen er den vollständigen Erhalt seiner persönlichen Habe bestätigen sollte. Darunter kam eine medizinische Schweigepflicht-Entbi, soweit konnte Elias noch lesen. Das dritte Formular war zuweit verborgen, als dass er es erfassen konnte. „Das oberste Formular hier bearbeiten wir gleich. Die beiden anderen aber, die könnten Sie mir jetzt schon unterschreiben, dann können wir direkt weitermachen.“ - „Moment, Herr Gutmann. Moment.“ - „Ja, bitte was denn?“ - „Das geht mir zu schnell. Ich habe doch noch nicht einmal einen Vertrag unterschrieben, wir haben doch nur eine Vorvereinbarung unterzeichnet.“ - „Die allerdings Teil des Vertrags ist.“ Kevin Gutmann schaute in Elias' Gesicht und verstand instantan die Notwendigkeit, sich zu erklären: „Den eigentlichen Vertrag haben wir mit Ihrem Arbeitgeber geschlossen. Sie haben mit Ihrer Unterschrift zugestimmt, dass wir die Entlassung vorbereiten dürfen. Damit haben Sie auch allen dafür notwendigen Schritten der Vorbereitung bereits zugestimmt.“ Dann stellte er wieder auf sein Verkaufsprogramm um lächelte Elias an, ohne sein Sprechen dafür lange unterbrechen zu müssen: „Machen Sie sich keine Sorgen, dass Sie dort nicht klar kommen“, er wies auf die Tür, durch die er für gewöhnlich das Kontaktzimmer betrat. „Wir werden das gemeinsam definitiv hinbekommen, Sie sind bei weitem nicht der erste, den wir wieder integriert hätten.“ - „Ich mache mir auch keine Sorge um das 'Klar kommen', Herr Gutmann. Nicht einmal im Geringsten. Ich war einmal erfolgreich in dieser Welt, vergessen habe ich das nicht. Ich mache mir Sorgen um Ihre Definition von Freiheit.“ - „Wir definieren Freiheit als die Möglichkeit, wieder ein Leben in den eigenen vier Wänden zu fürhen, wieder eine Arbeit und Kontakte zu Menschen zu haben, sofern Sie das wollen.“ - „Und die Freiheit falsch zu parken?“ - „Was meinen Sie damit? Sie haben keinen Führerschein mehr, Herr Tenner. Es wäre bei ihrer Medikation nicht verantwortungsbewußt..“ - „Und die Freiheit, meinen Führerschein zu machen? Nach Italien zu fahren? Eine Frau zu treffen?“ - „Über den Führerschein kann man sicherlich sprechen und auch Auslandsaufenthalte sind laut unseren Statuten in der EU kein Problem.“ - „Und außerhalb ihrer Statuten?“, fragte Elias. „Nehmen wir an, ich möchte etwas Wunderschönes und nicht einmal Unvernünftiges tun, das nicht in Ihren Statuten geregelt ist. Was ist dann?“ - „Worauf wollen Sie hinaus, Herr Tenner? Sie besprechen sich zu Beginn mit ihrem Mentor, er wird im Zweifelsfall Kontakt zu uns aufnehmen und schließlich werden Sie selbst lernen, wieder zu leben. Ohne, dass Sie dafür einen Aufpasser brauchen werden.“ - „Und...Ähm, ja“, Elias konzentrierte sich, um nicht den Faden zu verlieren, was ihm nicht ganz gelang: „Und, und... warum machen Sie das dann?“ - „Nun, das hatten wir doch bereits. Um Ihnen ein Leben in Freiheit zu ermöglichen. Nicht mehr und nicht weniger.“ - „Und welche Vorbereitungen mussten Sie dann noch treffen? Das haben Sie doch gerade gesagt?“ - „Nun, zum Beispiel die Wohnung einzurichten, die Papiere fertig zu machen und die Operation vornehmen, über die Sie das Faltblatt aufgeklärt hat.“ - „Sie haben mir nie ein Faltblatt gegeben.“ - „Doch. Ganz sicher sogar. Ich habe es dem Wachbeamten gegeben, der sie hier hineingeführt hat. Er hat uns gegenüber auch zugesichert, dass er es weitergegeben hat. Wir müssen da sehr genau sein.“ - „Dann erzählen Sie es mir jetzt“, Elias blieb trotz der Enthüllungen innerlich und äußerlich ruhig, spürte aber einen beginnenden Kopfschmerz. Es war schwer für ihn, dem Gespräch zu folgen. „Ich denke, ich habe ein Recht darauf, nicht wahr?“ - „Sicherlich, Herr Tenner. Sicherlich haben Sie das. Ich muss unbedingt noch mit dem Beamten sprechen, denn es war an dem Tag meines ersten Besuchs, an dem Sie auf die Krankenstation gebracht worden sind.“ - „Nein, ich habe keinen Zettel erhalten. Nicht an diesem Tag, nicht an einem Tag danach. Heute nacht in meinem Traum, da habe ich mir an den Hals fassen müssen und da immer etwas gespürt, ist es das?“ - „Nein, Herr Tenner. Das kann nicht sein. Wir platzieren eine kleine Sonde in der Hirnrinde, während sie schlafen.“ - „Das ist ja gruselig“, sagte Elias und schien sich ein wenig darüber zu amüsieren, der stechende Kopfschmerz raubte ihm jetzt schon einen Teil des Verstands. „Das ist ja wie in schlechten Agentenfilmen. Ein schöner Beginn für unsere neue Partnerschaft.“ - „Wir müssen im Schlaf operieren“, druckste der Versicherungsvertreter ein wenig herum, „damit das Gerät auf ihren REM-Schlaf geeicht ist. Seine Programmierung gibt uns keine andere Wahl. Doch dank der erreichten Größe ist es in der Regel nicht einmal mehr mit einer Narkose und all den lästigen Folgen einer herkömmlichen Operation verbunden.“ - „Ah.“ Elias entspannte sich. „Ja, ganz erstaunlich, welche Fortschritte hier von der Medizintechnik gemacht worden sind. Aber ich schweife ab. Natürlich werde ich mit dem Beamten Rücksprache aufnehmen, denn es kann nicht sein, dass Sie diese Erklärung nicht bekommen haben, dort hätten Sie schließlich auch widersprechen können.“ - „Machen Sie sich deswegen keine Sorgen. Schließlich werde ich ja jetzt entlassen – da sollte es wichtigere Dinge für mich geben.“ - „Endlich“, murmelte Gutmann so leise, dass sein Klient es nicht hören konnte. Er gewann die Aufmerksamkeit des diensthabenden Beamten durch eine winkende Geste in der Richtung des jetzt zufrieden lächelnden Kunden, der ihm gegenüber saß. Von hinten trat der Wachmann an den Tisch und forderte den Elias auf, sich für den Rückweg in seine Zelle bereit zu machen. „Es ist das letzte Mal in Ihrem Leben, Herr Tenner. Wir sehen uns in der Freiheit.“ - „Vielen Dank. Vielen Dank, Herr Gutmann.“

Seine Kopfschmerzen waren wie weggeblasen.

 

(von Karl Szwillus)




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