Teil II: Krankenstation

Elias betrat zum ersten Mal seit er hier war den Raum, in dem die Gefangenen Gäste empfangen durften. Bislang war er nur an dieser Tür vorüber gegangen. Die Schleuse zum großen Besprechungszimmer hatte er einmal durch einen Spalt gesehen. Das Gefühl, durch die Gitter zu treten und einen geliebten Menschen zu sehen, blieb ihm dennoch auch diesmal verwehrt. Er sah Patrick, den er aus dem gemeinsamen Küchendienst kannte. Dieser saß mit einer älteren Frau über einen Tisch gebeugt. Er sah Tränen auf dem Gesicht der Dame, die vom Alter her wahrscheinlich Patricks Mutter war, und er sah Verzweiflung in ihrem Gesicht. Langsam machte er seine Schritte durch diesen Raum, versuchte Eindrücke aufzunehmen. Alles war zweckmäßig eingerichtet, das unwidersprochene Zentrum war eine Reihe von Tischen, die jeweils durch Sichtschutzwände voneinander getrennt waren. Ein Stuhl zu beiden Seiten der Tische, die mit ihrer Tiefe von knappen 1,5 Meter eine Distanz zum echten Leben wahrten. Außer Patrick und seinem Besuch standen zwei Beamte im Raum, zu jeder Seite einer, und schauten unbeteiligt nach vorn. Schmidt, der Elias hier herein gebracht hatte, war an der Tür stehen geblieben und hatte ihm nur die Richtung gewiesen. Das klicken im Schloss der Tür hatte ihm auch ohne Blick zurück gesagt, dass er den Raum wieder verlassen hatte. Im Vorübergehen roch er das Parfum der Dame, die er für Patricks Mutter hielt. Elias hatte seit fast einem Jahr keine Frau mehr von Angesicht zu Angesicht gesehen. Als er an dem ihm zugedachten Tisch angekommen war, blickte er misstrauisch auf die Person, die dort saß. Ein Anzugträger, Anwalt spekulierte Elias, groß gewachsen, gepflegt. Als er sich dem Tisch näherte stand der auf, der Kevin Gutmann sein musste, und streckte seine Hand aus. Er lächelte ihn an und sagte: „Ich freue mich, Sie zu sehen, Herr Tenner.“

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Der nächste Eindruck, der Elias erreichte, war der, dass er in einem Bett lag. Es war nicht seine Liege und er war auch nicht in seiner Zelle, denn es war hier heller. Es roch nach Medikamenten und Putzmitteln und aus dem Augenwinkel erkannte er die langen Haare eine Frau, die ihm gerade den Rücken zukehrte. Er versuchte, sich zu bewegen und bemerkte, dass er fixiert war. Panik stieg in ihm auf. Genauso hatte alles begonnen. Mit dem Aufwachen in einem Bett. Fixiert. Angekettet, wie er es damals empfunden hatte. Bei seiner Festnahme hatte er sich nicht gewehrt. Aber spätestens in der Psychiatrie hatte er so verwirrt gewirkt, dass man es damals für sicherer hielt, ihn zunächst fest ans Bett zu schnüren. So hatte es ihm eine Ärztin erklärt. Doch Elias wusste, dass das nicht so war. Sie hatten ihn für ein Monster gehalten für das, was er getan hatte. Vielleicht auch für die Art und Weise. Elias bemühte sich, seinen Herzschlag durch langsames Atmen und Luftanhalten unter Kontrolle zu bekommen. Er durfte nicht gleich wieder ohnmächtig werden. Warum hatten sie ihn hierhin gebracht? Was war im Kontaktzimmer geschehen? Verwirrung mischte sich zu der Verzweiflung. Als er zuletzt vor 12 Jahren in dieser Situation gewesen war, da wusste er zumindest noch, was geschehen war. Damals konnte er Verständnis für die Handlungsweise der Autorität aufbringen. Es war ihre Pflicht, weil sie ihn nicht verstehen konnten. „Wer sollte Dich auch verstehen können?“ - „Nicht jetzt, nicht jetzt.“ Elias kniff die Augen zu und versuchte sich weiter auf die Atmung zu konzentrieren. „Warum nicht jetzt? Warum nicht immer? Wieso versuchst Du immer noch, Verständnis zu suchen, Du Penner? Du liegst hier und bejammerst Dich selbst, anstatt nachzudenken, warum Du hier gelandet bist. Du fragst selbst jetzt noch, warum Du kein Verständnis...“ Elias kämpfte mit der Ohnmacht und war ihr so nah, dass die Stimme in seinem Kopf wieder verstummte. In der langen Zeit, die er auf sich gestellt war, hatte er immer in seiner eigenen Welt und seiner eigenen Vorstellung von Werten gelebt. Trotzdem musste er manchmal auf den Trick mit der nahen Ohnmacht zurückgreifen. Immer dann, wenn sein autarker Zustand nicht aufrecht erhalten werden konnte. So wie auch jetzt: Die andere Welt war in seine eingedrungen und er lag hier in diesem Zimmer, wahrscheinlich auf der Krankenstation. Wahrscheinlich würden sie gleich mit ihm sprechen, wenn sie erst einmal begriffen hatten, dass er erwacht war. Dass er aus seinem Alptraum erwacht war, den die Polizei beschlossen hatte, mit ihm teilen zu wollen. Weil sie ihn nicht verstanden und nicht verstehen könnten. Dabei hätten sie ihn nur fragen müssen und sich die Mühe machen, bis zum Ende zuzuhören. Zaghaft versuchte er, zu sprechen: „Hallo?“ Die Frau drehte sich um und er erkannte in ihr die Anstaltsärztin mit dem herb-schönen Gesicht. Mit ihr hatte er zu Beginn hier noch regelmäßig gesprochen.

„Herr Tenner“, stellte sie fest. „Wie geht es Ihnen?“ - „Wie es mir geht? Was ist geschehen? Wofür bin ich hier gefesselt?“ Die Panik ließ ihn abgehackt und schwer atmend sprechen, doch die Fragen kamen präzise aus seinem Mund. „Sie sind nicht gefesselt. Ich werde sie von diesem Bett losmachen, sobald sie vollständig aufgewacht sind. Sie hatten einen Schwächeanfall, vor einer halben Stunde im Kontaktzimmer.“ - „Einen Schwächeanfall? Ich...ich kann mich nicht erinnern. Es ist also nicht...“, ließ er seine Gedanken unausgesprochen. Sie schaute ihn unverwandt an und wartete auf die Beendigung seines Satzes. Als diese nicht folgte, drehte sie sich um und ging zu ihrem Telefon. Elias lag auf dem Bett und hatte die Augen nun aufgeschlagen. Er sah zur Decke. Nebenbei bemerkte er, dass die Ärztin telefonierte; anscheinend ging es bei um ihn. „Ich werde also nicht vernommen?“. Sie drehte sich zu ihm um und sagte: „Nein. Schmidt wird sie gleich abholen und in ihre Zelle zurückbringen. Sie sind OK.“ Nach einer kurzen Denkpause fügte sie hinzu: „Also medizinisch.“

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Schmidt trat in das Krankenzimmer und trat direkt an sein Bett, er grinste. „Na Tenner? Einmal Psycho, immer Psycho, was?“ Schmidt war kein Mann vieler Worte und in Situationen wie dieser schätzte Elias das sehr. Doch das andauernde Grinsen, des Wachmanns neben dem Bett störte ihn. Zumal seine demütigende Situation allein – er wurde von Tropf und den Bändern an den Hand- und Fußgelenken befreit – unangenehm genug gewesen wäre. Zu allem Überfluss konnte er sich aus all dem keinen Reim zu machen. Elias merkte deutlich, dass er bei dieser eigentlich leichten Übung versagte, daher galt seine Aufmerksamkeit zunächst der akuten Störung. Er sprach Schmidt an: „Was meinen Sie?“ - „Meine was?“ - „Einmal Psycho...Sie wissen doch noch, was Sie gerade gesagt haben.“ Der Beamte schaute ihn an und Elias bemerkte, dass er ihn mit dieser Frage tatsächlich zum Nachdenken gebracht hatte. Vielleicht war da sogar ein wenig Scham. Das war der Unterschied zwischen ihm, den anderen Schließern und Norbert oder den anderen Mithäftlingen. Letztere waren im Umgang mit Menschen wie ihm fast die Professionelleren, die Mitarbeiter der Haftanstalt waren menschlicher. „Na denken Sie doch mal nach, Tenner. Der erste Besuch, seit ich hier arbeite. Und noch bevor Sie dem Mann auch nur 'Guten Tag' sagen, klappen Sie zusammen. Das ist doch nicht normal.“ - Elias dachte über die Worte nach, doch er brauchte nicht lange um zu antworten: „Nein, wohl nicht. Danke.“ Er war es schließlich gewöhnt, den wichtigeren Teil des Gesprächs mit sich selbst zu führen. Immerhin hatte Schmidt seinen Gesichtsausdruck wieder unter Kontrolle, doch mit ihm beschäftigte er sich nicht mehr. „Er hat doch Recht. Psycho. Man, was warst Du mal für ein Mensch und jetzt schau Dich an. Wo bist Du hingekommen?“ - „Ja, ja...Ich sag's Dir: Sie ist weg und hat Dich mitgenommen“, grinste Elias in sich hinein. Doch in der stillen Heiterkeit wurde er vor seiner Zelle gestört. Sie blieben stehen und Schmidt blickte Tenner sehr direkt und fast hart in die Augen. „Sie sollten wissen, Tenner, das ist ihre Chance. Und ich will nicht schwarzmalen, aber es könnte ihre einzige Chance sein.“

(von Karl Szwillus)




1 Kommentar
Georg schrieb am 21.08.2007 01:38

Ich bin gespannt, wie es weitergeht.
Sehr gut geschrieben.