Teil III: Das Schweigen gebrochen

„Tenner, da bist Du wieder. Wie ist es gelaufen?“ begrüßte ihn sein bis dato schweigsamer Zellennachbar; ganz so, als sprächen sie täglich über Gott und die Welt. Erneut spürte Elias die Wogen einer Schwärze auf sich zukommen, doch diesmal reichte es, sich auf sein Bett zu setzen. „Du...Du...Wieso?“ - „Wieso ich mit Dir spreche, willst Du wissen?“ - Elias nickte heftig, auch wenn er weiter zu Boden schaute und sich mit einer Hand auf dem Oberschenkel abstützte. „Ich bin ein altmodischer Mensch, Tenner. Wenn sie zu Dir kommen und mit Dir sprechen wollen, dann heißt das, dass Du gebüßt hast. Deine Strafe ist abgesessen. Und darauf beruht doch unser System, nicht? Wenn eine Strafe zu Ende ist, dann verdient jeder eine zweite Chance, so sind die Regeln. Immer gewesen. Wenn Du auch nur dran denkst, es wieder zu tun, dann bin ich der Erste, der Dir den Arsch aufreißt, Tenner, vertu' Dich nicht. Aber bis dahin hast Du Dein zweites Spiel. So sind die Regeln.“ - „Die Regeln.“ In Elias Kopf hallten die Worte lange nach, denn er hat bislang nicht das Gefühl gehabt, dass die Regeln dieser Welt mit den Seinen übereinstimmten. Doch die Logik in den Worten des Alten hatte eine faszinierende Einfachheit, die Elias gefiel. Und noch dazu schien diese Regel der anderen Welt zu seinem Vorteil zu sein, dem wollte er ebenso auf den Grund gehen, wie seinen Zellengenossen verstehen. „Woher weißt Du das, Norbert? Ich meine, wie kannst Du das sagen?“ - „Du hast nicht zugehört, Tenner. Du hörst viel zu wenig zu. Die Fünf, die sich bei Dir angekündigt haben, sie alle halten ein Ticket nach draußen für Dich in der Hand. Haben sie Dir das nicht gesagt?“ - „Ich habe nicht mit ihm gesprochen“, erwiderte Elias, „als...er..er hat mich angesprochen und es. Ich weiß es nicht, ich weiß nicht, was dann passierte, aber er hat gesagt, dass er. Nein, ich weiß es wirklich nicht. Ich bin auf der Krankenstation aufgewacht und dort waren nur Schmidt und die Ärztin.“ - „Dann hast Du es versaut, Tenner.“ Erschrocken über die kurzen, deutlichen Worte blickte Elias dem alten Norbert Greifsmann ins Gesicht. „Er hatte Dein Ticket in der Hand, aber so ein Risiko übernehmen die nicht. Du warst in der Klappse und dann brichst Du beim ersten Gespräch sofort zusammen – die führen Dich jetzt als Vollpsycho in ihrer Datenbank.“ - „Wer denn die?“ - „Die Versicherungen. Diejenigen, die Dich hier raus bringen können.“ Vollkommen entgeistert schaute Elias Norbert an und blieb stumm. Das Gespräch mit einem anderen Menschen hatte gleichzeitig die Stimmen in seinem Kopf zum Schweigen und die Gedanken dafür in Schwung gebracht. Seine Haftzeit lief ab, dass war ihm bewusst. Nicht, dass er auch nur eine Minute darein investiert hatte, Pläne zu machen. Er würde nicht arbeiten können, soviel stand für ihn fest. Die Aussichten außerhalb dieser Mauern empfand er als entsprechend trübe, zumal es vor allem eine Welt war, die mit seiner eigenen aus dem Gleichgewicht geraten war. Die Folgerichtigkeit von Zusammenhängen als Ganzes war durch das Ereignis in Frage gestellt worden, welches ihn hier in diese Zelle geführt hatte. Und Elias hatte es nie als seinen Fehler gesehen, sondern sich selbst immer darauf zurückgezogen, dass es die Welt war, die ihn zu diesem Fehler getrieben hatte. In den alten Mathematikarbeiten hieß das Folgefehler. Und nur weil sich Polizei und Gerichtsbarkeit nicht die Mühe gemacht hatten, ihre Vorstellung mit der seiner Umgebung abzugleichen, war er hier. Sie hatten unsauber gearbeitet, obwohl sie an dieser Stelle einfach gar nicht hätten arbeiten müssen. „Ich sitze jetzt seit 12 Jahren, Norbert. Im Institut haben Sie mich zwar noch Zeitungen lesen lassen, aber seit 9 Jahren ist meine Welt so, wie Du sie hier siehst. Und vielleicht noch die Werkstatt. Seit 9 Jahren, Norbert, hat keine Menschenseele ein Wort zu mir gesprochen, dass über direkte Notwendigkeiten hinausging. Ich bin im Jahr meiner Einweisung stehengeblieben. Zeitungen helfen Dir nicht viel, wenn Du vollgepumpt mit Drogen auf Deinem Bett hockst. Die Verarbeitung von Informationen ist dann...“ Er brach ab. Elias wurde klar, dass er diese Dinge noch nie so formuliert hatte. Ihm begann auch zu dämmern, dass seine Ersatzlösung, diese Fragen mit sich zu klären, nie hatte funktionieren können. Es kam über ihn, ein lichter Schimmer aus seinem alten Leben. Damals, als er selbst noch Menschen geleitet und geführt hatte. Norbert schaute ihn an und blieb zunächst ebenfalls still. „Du wirst Dir diesen Zustand eines Tages zurückwünschen, Tenner. Wenn sie noch einmal mit Dir sprechen werden. Aber Du kannst mir glauben, dass das jetzt so gut wie unmöglich ist. Sie vermessen Dich und vergeben Punkte. Punkte für Dich und Dein Leben. Und jede Abweichung von der Norm kostet. So eine Nummer wie heute zieht Dir richtig Punkte; besonders teuer sind nämlich Versagenshandlungen.“ - „Versagenshandlungen? Aber ich habe nicht versagt. Ich habe doch nur...“ - „Du bist zusammengeklappt. So einfach ist das.“ - „Ja?“ - „Ja, Tenner. So einfach ist das das. Sie erwarten von Dir, dass Du funktionierst. Immer.“ - „Aber, es...“ - „Nein, kein aber.“

..

Elias Tenner schlief in dieser Nacht äußerst unruhig. Seine Träume führten ihn zurück in die Zeit, bevor er in dieser Anstalt gelandet war. In die Zeit, als er noch funktionierte, wie jeder andere Mensch. Selbst die Erinnerungen an die Geburt seiner Kinder kamen zurück, bei beiden war Elias damals im Kreißsaal gewesen und hatte bei beiden den ersten Schrei gehört.

 

(von Karl Szwillus)




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