Teil IV: Das erste Gespräch

Kevin Gutmann kehrte tatsächlich – vor allem zu Norberts großer Überraschung - zurück. Wieder war er gut gekleidet, roch schon aus größerer Entfernung sehr angenehm und streckte Elias die Hand entgegen. „Herr Tenner.“ - „Herr Gutmann.“ Sie setzen sich und diesmal bemerkte Elias, das alles gut gehen würde. Es kamen keine Wogen in ihm auf, die ihm von der nahen Ohnmacht kündeten. „Sie...wissen, weshalb ich Sie aufsuche?“ - „Nein, nur ganz grob. Norbert sagte etwas von Versicherungen und meiner letzten Chance. Norbert Greifsmann, meine ich. Mein Zellennachbar.“ Gutmann lehnte sich zurück, zeigte ein selbstsicheres Lächeln auf dem Gesicht und begann in seiner Tasche zu kramen. „Nein, nein. Da haben Sie etwas missverstanden. Es geht nicht um Ultimaten. Ich bin hier, weil ich mit Ihnen über Ihre Zukunft sprechen möchte, Herr Tenner. Wo kämen wir denn da hin, wenn man sich noch vor dem Kennenlernen mit solchen Dingen beschäftigen müsste.“ Er sprach sehr offen und freundlich und stets mit einem Lächeln auf dem gut rasierten Gesicht. Seine Teint war von einem gesunden Braun, er sah aus, wie einer der vielen Berater mit denen Elias in seinem alten Leben zu tun gehabt hatte. Dazu gesellte sich gleich eine zweite Erinnerung aus den Tiefen der Vergangenheit: Er hörte sich auch so an. Elias versprach sich selbst, auf der Hut zu bleiben. „Die Zeit meiner regulären Haft läuft bald ab.“ - „Ja, und deswegen bin ich hier, Herr Tenner. Deswegen müssen wir ja auch unbedingt Pläne für die kommenden Monate machen, nicht wahr? Sie haben doch bestimmt schon Vorstellungen von ihrem Leben als freier Mann, nehme ich an?“ Es entstand eine Pause, bis Elias sich durchringen konnte zu antworten: „Nein. Ich habe das einfache Leben hier schätzen gelernt.“ - „Das kenne ich Herr Tenner. Viele meiner Klienten sprechen so, wenn wir das erste Mal zusammen sitzen. Aber keine Sorge, auch für Sie werden wir sicherlich eine gute Perspektive finden. Sie werden staunen, wenn wir erstmal bei den Details Ihres Lebensentwurfs angekommen sind.“ - „Ich, ich. Wie soll ich es sagen?“ - Kevin Gutmann setzte eine betont bedeutsame Miene auf und blickte Elias direkt in die Augen, ähnlichem einem guten Freund und sagte: „So, wie es ist, Herr Tenner. Sagen Sie es einfach so, wie Sie es empfinden. Das Projekt, welches wir heute hier beginnen ist ihr Leben. Es ist mir daher sehr wichtig, dass Sie von Anfang an offen sprechen.“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und signalisierte durch ein Kopfnicken und geöffneten Armen, dass Elias nun sprechen konnte. Augenkontakt vermied er. - „Gut, denn eigentlich ist es auch ganz einfach: Ich mache mir keine Sorgen.“ - „Das ist gut. Um so besser, sogar. Wo keine Sorgen die Stirn trüben, fällt es doch noch leichter, wieder neuen Mut zu fassen, nicht wahr?“ Gutmann nickte, wie zur Bestätigung seiner eigenen Sätze und hob einen flachen Bildschirm aus der Tasche auf den Tisch. Mit dem Finger nahm er einige Auswahlen auf der Oberfläche vor. „So, Herr Tenner. Ich habe hier Ihre Daten schon einmal aufgerufen – gehen wir die kurz durch, ob alles noch so stimmt?“ Verwirrt kratzte sich Elias am Kopf. „Meine Daten? Aber Sie kennen mich doch gar nicht? Woher haben Sie Daten über mich?“ - „Oh. Bitte entschuldigen Sie. Ich war zu schnell. Wissen Sie, manchmal vergesse ich, dass Sie ja nur eingeschränkten Zugang zu Informationen haben. Nehmen Sie mir diesen Faux-Pas bitte nicht übel.“ Er schaute, als wäre er ernsthaft besorgt. „Nein, Nein. Natürlich nicht.“ - „Gut. Lassen Sie mich ein bisschen ausholen, Herr Tenner. Als Sie mit Ihrer“, er stockte kurz und schob den Finger auf seinem flachen Monitor hin und her, bevor er fortfuhr: „Behandlung begonnen haben.“ Doch Elias reagierte nicht auf die Blicke des Mannes, der sich nun betont bemüht seiner Wortwahl versichern wollte. „Damals gab es in Deutschland circa 4 Millionen Arbeitslose und die Aussicht war gut, nicht wahr? Doch eigentlich war sich die Politik schon damals unklar, wie man diesen Aufschwung konservieren könnte. Und natürlich gelang es ihnen nicht. Schon im Jahre 2012 hatten Sie Deutschland in die schlimmste soziale Krise geredet, die man sich bis dahin vorstellen. 8,5 Millionen ohne Arbeit – das war eine Verdopplung in nicht ganz 3 Jahren. Schreckliche Zustände. Nicht nur, dass die Renten unsicher geworden waren, erinnern Sie sich? Jetzt schien auch die Auszahlung von Sozialhilfe und anderen Leistungen gefährdet.“ Elias saß dem Versicherungsvertreter mit weit geöffneten Augen gegenüber und traute seinen Ohren kaum. Das musste ja wirklich schon in der Zeit begonnen haben, als er noch in Behandlung war. „Ja, sie haben schon Recht, das klingt völlig unglaublich.“ - „Gab es Gewalt? Ich meine...“ - „Nun, wie soll ich sagen. Machen Sie sich keine Gedanken. Die Welt draußen; ich sage das jetzt einfach mal so, würden Sie sofort wieder erkennen. Hier“, er zeigte auf das Display seines Rechners, „das hier gibt es immer noch. Windows.“ Bislang hatte Elias dem Computer auf dem Tisch keine große Bedeutung zugemessen, aber nun riskierte er einen Blick. Es war jedoch nicht das Emblem der Softwarefirma, welches in seinen Blick fiel. Viel mehr sah er dort nur eine Feststellung zwischen Zahlen, Texten und Eingabefeldern. Sofort begann seine Welt sich zu drehen: Dreifacher Mord. 12 Jahre mit Therapieauflagen und anschließender Sicherheitsverwahrung. Das Kontaktzimmer wurde dunkel, nur die Leuchtschrift auf dem Display schien es noch zu beleuchten. Elias starrte wie gebannt auf die Worte, wie sehr er auch versuchte, sie nicht überhand nehmen zu lassen. Nur gedämpft drang die Stimme von Gutmann noch zu ihm. Deutlicher bemerkte er, wie die Leuchtschrift ihre Drehung beschleunigte, wie ihm wurde schwindelig wurde, wie sich sein Herzschlag beschleunigte und wie helle Lichtblitze in seinem Bild vor Augen zuckten. Die Tätigkeit seines Gehirns wurde Elias spürbar vor Augen gehalten. Doch sein Gegenüber schien die Reaktion zu bemerken und kippte das Display in seiner Richtung, so dass nichts mehr von den Worten zu sehen waren, die Elias' Leben letztlich mehr als andere charakterisieren würden. „Herr Tenner? Ist alles in Ordnung bei ihnen?“ Der Angesprochene schüttelte den Kopf und fuhr sich nervös durch die Haare. Doch immerhin kehrte das Bild des Zimmers zurück, in dem sie sich befanden. „Nicht ohnmächtig werden, nicht wieder abhauen! Vergiss Deine verdammte Gerechtigkeit und vergiss jetzt Deine verdammte Strafe. Stell' Dich endlich und akzeptiere es.“ - „NEIN!“ rief Elias laut aus und, als würde ihn der Klang seiner Stimme an die Welt erinnern, sah plötzlich wieder klarer. „Danke. Hier vor mir sitzt vielleicht die einzige Chance, die ich habe.“ - „Ich meine...ja, Herr Gutmann. Ja. Ich war...Es war überraschend und recht viel, was Sie mir erzählt haben. Entschuldigen Sie, ich werde nur einen Schluck zu trinken besorgen.“ Elias stand auf und sprach einen der unbekannten Wachleute an, die auch bei diesem Treffen wieder im Kontaktzimmer standen. Dieser sprach leise in Richtung seines Kragens und nickte ihm dann zu. „Sie haben noch 10 Minuten.“ Elias nickte und verließ den Mann wieder in Richtung des Tisches. „Erzählen Sie mir bitte noch mehr. Ich möchte wissen, wie meine Chance aussieht.“ - „Nun, nichts lieber als das, Herr Tenner.“ Gutmann ließ eine wohldosierte Pause folgen, „dann fasse ich mich in politischen Dingen kurz. Die Bundesregierung hat in der Situation eingesehen, dass sie handeln muss und schließlich Reformen auf den Weg gebracht. Die politische Welt hat sich verändert, aber endlich zum Guten. 2013 und 2014 waren noch einmal harte Jahre, doch danach hat sich das Blatt wieder gewendet. Jetzt alle Veränderungen aufzuzählen, würde viel zu lange dauern, denke ich. Das können wir uns aber ohnehin sparen, Sie werden ja bald Gelegenheit haben, es zu erleben. Konzentrieren wir uns darauf!“ Der unbekannte Beamte stellte eine Wasserglas auf den Tisch und Elias trank in großen Schlucken, einen kleinen Rest ließ er sich aber für den nächsten Schock übrig. „Ja, bitte. Erzählen Sie mir davon.“ - „Nun, es sieht folgendermaßen aus: Wenn wir mit den Formalitäten hier gut durchkommen, dann würde ich mich persönlich für einen Haftprüfungstermin einsetzen. Die Darmstädter Leben bringt es dabei mittlerweile auf eine Erfolgsquote von über 99%, die Zahl können Sie sich schon mal als Ihre neue Glückszahl merken.“ Gutmann lächelte siegesgewiss, zumindest aber selbstbewusst, und legte den Flachbildschirm wieder auf den Tisch. „Erlauben Sie mir, dass wir jetzt die Daten noch aufnehmen und dann brauche ich nur noch eine Unterschrift von Ihnen und wir treffen uns in einer Woche wieder.“ Doch Elias blieb verwirrt. Was Gutmann gesagt, hatte schien auf ihn vielleicht historisch Sinn zu ergeben, doch den Bogen zu ihm hatte der Mann offensichtlich vergessen. Auch in seinem Kopf war Schweigen; scheinbar würde er das hier alleine durchstehen müssen. „Was müssen Sie denn wissen?“ - „Zunächst mal nur ein paar Daten...Ich habe hier schon die Vorinformationen eingetragen.“ In der Folge fragte Gutmann die Dinge ab, die Elias als Daten auf dem kleinen Bildschirm erkennen konnte. Geboren am? Ausbildung? Die Eltern? Der Hausarzt? Irgendwelche Allergien? Medikamente? Freunde? Verwandte? (Letztere Frage wollte Gutmann zu spät überspielen, doch es geschah nichts bemerkenswertes bei Elias). Eine Kurve und ein schwarz-weiß gemustertes Feld am Ende des Datenblattes irritierten ihn dann doch so, dass ihm auch wieder einfiel, wonach er eigentlich gefragt hatte. „Was ist das? Es sieht aus wie ein...eine Fieberkurve, oder so etwas? Von wem haben Sie meine Daten?“ Gutmann zwinkerte ihm zu und sagte lächelnd: „Ach, das sind nur die Daten, für meinen Besuch hier. Machen Sie sich keine Gedanken, computerlesbare Versicherungslogik ist das.“ - „Dort sind Punkte markiert, was bedeuten sie?“ - „Wie ich eben schon sagte, das ist nichts von Bedeutung. Es ist ein internes Hilfsmittel, mit dem wir nachher die Aussichten bewerten – diesen Bildschirm würden Sie normalerweise gar nicht mehr sehen – die Anstalt hier ist technisch nicht auf dem neuesten Stand. Keine Bedeutung“, sagte er beschwichtigend. „Sie haben mir jetzt mindestens 20 Fragen zu meinem alten Leben gestellt. Und ich kann dort die Ausgabe q-total = 27 lesen. Ist das so etwas wie ein Test? Eine Überprüfung? Und wer hat Ihnen die Daten vorab gegeben?“ - „Konzentrieren Sie sich mal auf ihr Leben in Freiheit, Herr Tenner. Um diese Zahlen hier werde ich mich kümmern, keine Sorge.“ Gutmann sah an Elias' Miene, dass dieser sich damit nicht zufrieden geben würde, also ergänzte er: „Um Sie zu beruhigen. Ja, es sind die Fragen, die ich Ihnen gestellt habe. Sie sind hier in einer Kurzansicht für unseren Innendienst zusammengefasst, in...“, er suchte nach dem Wort „Codes. Ja, so kann man es beschreiben. Die Daten habe ich von der Staatsanwalt und ihrem Arbeitgeber, es ist heutzutage üblich, dass diese Institutionen sich darum kümmern.“ Murmelnd wiederholte Elias den letzten Satz des Versichungsvertreters, dessen Lächeln auf seinem Gesicht eingeforen war. In Gedanken war Elias bei Norberts Erklärungen über das Scoring von Versicherungen, ja er hörte sogar dessen Stimme in seinem Kopf. Er fragte sich, ob er hier die Auswertung für seine eigene Person vor sich sah. „Sie stellen ungewöhnliche Fragen, Herr Tenner.“ Wie aus einer Trance erwacht antwortete dieser, fast schlagfertig: „Nach neun Jahren ohne ein Gespräch kommt man da etwas aus der Übung, Sie müssen entschuldigen.“

 

(von Karl Szwillus)




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