Teil I: Ein ganz normales Ereignis

 

Elias Tenner sah den Beamten ungläubig an, der ihm gegenüberstand. Seit er hier war, hatte sich bisher erst einmal Besuch angekündigt. Das war ein Anwalt von der Familie seiner Ex-Frau gewesen. Drei Jahre nach dem Prozess hatte er einen Abschlussbericht über die Verwertung des gemeinsamen Eigentums persönlich abliefern müssen. Und nun hatten gleich fünf Personen um Besuchszeit gebeten. Damit stand Elias vor der Aufgabe, diesen Termine in den nächsten drei Wochen zuzuteilen. Anders ging es nicht, denn mehr als 30 Minuten standen ihm in einer einzelnen Woche nicht zur Verfügung. „Können Sie mir die Namen noch einmal vorlesen?“ - „Sicherlich, Tenner.“ Wie bereits eine Minute zuvor verlas der Beamte die Namen von vier Männern und einer Frau. Und wie bereits vor einer Minute war sich Elias sicher, dass er nicht einen dieser Menschen jemals in seinem Leben getroffen hatte. „Und“, begann er zögerlich, „und, sie haben nicht gesagt, was sie von mir wollen?“ Die Frage quittierte der Mann in Uniform nur mit einem Achselzucken und dem hingeworfenen „Versicherungen halt, nichts besonderes, denke ich.“

 

Nichts besonderes. Nichts besonderes? Nein, nichts besonderes. Elias bewegte die Worte in seinem Kopf und versuchte, sie sich selbst irgendwie glaubhaft zu machen. Seit 12 Jahren sprach er über solche Dinge mit niemanden als ihm selbst. Das hatte ihn darin geschult, sich selbst zu überzeugen. Doch diesmal wollte das nicht gelingen. Kein Hirnareal schien die Aufgabe zu übernehmen, hier tatsächlich von Alltagsgeschäft ausgehen zu wollen. „Nichts besonderes?“ platzte es daher laut aus ihm heraus. Er trat einen Schritt von seinem Gegenüber zurück und griff sich an den Kopf, fuhr sich durchs Haar. Seinen Oberkörper beugte er gen Boden und drehte sich auf dem Absatz um sich selbst. In der engen Zelle stieß er gegen das zweite Bett, was ein Knurren des darauf befindlichen älteren Mannes auslöste. Mit fahrigen Handbewegungen entschuldigte sich Elias, mehr beim ihn umgebenden Raum als dem Menschen, und blickte den Vollzugsbeamten ratlos an. „Sie sollen Zeit in der Reihenfolge ihrer Anmeldung erhalten. Da ich nicht weiß, wer sie sind...Ich glaube, das wäre gerecht. Was meinen Sie?“ Der Angesprochene zuckte wieder mit den Achseln. „Sicher, Tenner. Wenn Sie es sagen.“ In seinem Kopf hörte Elias die Stimmen immer noch nicht, die ihm sonst mit Rat und Tat zur Seite standen. Stumm nickte er und schaute auf den Boden. Eine Hand in die Hüfte gestemmt und die anderen im wirr gezupften Haar. So stand er auch noch lange Minuten dar, nachdem der Beamte die Zelle wieder verriegelt hatte und auf dem Weg in sein Büro war.

..

„Ich bin nicht verrückt“, sagte er stumm zu sich selbst. „Nein, sicherlich nicht, das ist wahr. Gerade eben stand Schmidt in Deiner Zelle und hat gesagt, dass Du fünf Besucher haben wirst“, beruhigte eine andere Stimme, so als legte ein guter Freund ihm den Arm auf die Schultern. „Aber diese Namen. Rolf Ehnders, Kevin Gutmann und wie hieß die Frau?“ - „Jana Volkmann. Das war ihr Name, bist Du denn ganz sicher, dass Du keinen von ihnen kennst?“ - „Ich grübele, ich denke, ich versuche doch drauf zu kommen. Aber ich glaube es einfach nicht. Eine Jana kannte ich, sie war sogar die beste Freundin meiner Frau.“ - „Oh!“ - „Ja, sie ist wohl die letzte, die mich hier besuchen würde. Sie hat nicht verstanden, worum...“ - „Fang nicht schon wieder damit an! Winsel' nicht immer wieder um Verständnis! Denk nicht einmal dran!“ Elias reckte sich und ging stumm zu seiner Liege, wobei er im Vorbeigehen einen Notizblock aus einem Schrank griff. Er blätterte ihn auf und ging einige Seiten, mit dem Finger mitlesend, durch. Ab und zu schüttelte er den Kopf oder blickte verträumt auf die Wände der Zelle, an denen einige Poster hingen. Jemand schien ihn von hinten zu rufen, zumindest drehte er den Kopf so, dass er über die Schulter aus dem kleinen Fenster auf den Hof schauen konnte. „Nein, das ist sie nicht.“ Wieder wandte er sich seinem Notizbuch zu und blätterte einige Seiten weiter. „Kevin Gutmann, der Name löst etwas bei mir aus...“ - „Ja, Mitleid!“ Elias lächelte verschmitzt. „Nein, das meine ich nicht, du Depp. Es gab einen Holger Gutmann, er war unser Nachbar, aber mehr kann ich Dir nicht sagen, es ist einfach zu lange her.“ - „Wofür hast Du denn dann alle diese Notizen? Sie erinnern Dich doch nur noch an Schatten, nicht mehr an Menschen.“ - „Nun fang' Du nicht wieder damit an, das ist nicht fair.“ - „Ah, da ist sie wieder die Fairness, Deine so geliebte...“ - „NEIN!“ brüllte Elias; diesmal laut vernehmlich. Von der Liege an der anderen Wand der Zelle kam ein fast reflexartiges „Schnauze, Tenner!“ Elias nahm seinen Kopf in beide Hände. Er konnte sich einfach nicht erinnern, einen Kevin Gutmann oder auch einen der anderen jemals gekannt zu haben. „Was hatte der Schmidt gesagt? Irgendetwas mit Versicherungen, nichts weiter“ - „Richtig. Irgendetwas mit Versicherungen. Nein. Dann kann es nicht der Gutmann sein. Mein Nachbar war bei der Ausländerbehörde.“ - „Kannst Du nicht abwarten? Ich meine, es waren jetzt neun Jahre, seit der Anwalt da war. NEUN JAHRE!“ Elias nickte und versank in den Notizen, die er sich gemacht hatte um sich immer an die Fakten seines alten Lebens erinnern zu können. Als Elias Tenner am 13. 7. 1985 in Witten geboren, Schule mit Bestnoten, Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität in Bochum, Abschluss mit Auszeichnung und dann das Nachwuchsprogramm der Daimler AG in Stuttgart und der ganzen Welt. Als er das damals aufgeschrieben hatte, hatte er sich gezwungen, das Ganze ohne Pathos oder Emotion zu verfassen. Den Aufstieg zur Bereichsleitung des Einkaufs für die deutschen Werke, ganz nah am Vorstand. Der letzte Nebensatz nur aus seinen Gedanken ergänzt. Und schließlich der Haftbeginn in der JVA in Dortmund zur Untersuchungshaft, sein letzter Eintrag des alten Lebens. Dazwischen lange Listen von Namen. Kommilitonen, Schulfreunde und Wegbegleiter in der Firma. Einige Bilder hatte er sich erlaubt, das von seinem besten Freund zum Beispiel. Er hatte gehofft, es so konservieren zu können. Doch auch das hatte nicht funktioniert. Wann immer er es jetzt anschaute, wurde es in seinem Geiste durch den Anblick im Gerichtssaal ersetzt, ganz so, als habe es jemand überschrieben. In der Untersuchungshaft hatten sie noch gesprochen, doch in der Beweisaufnahme hatte er sich abgewandt und ist aus dem Saal und Elias' Leben verschwunden. In seinem Kopf hatte er seit diesem Tag nur noch das Bild des ehemals befreundeten Hinterkopfs. Er sah exakt so aus wie in dem Moment, in dem er die Tür des Saals aufschob.

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Mit einem Ruck setzte sich Elias auf und setzte beide Beine aus dem Bett. „Welchen Tag haben wir heute, Norbert?“, sprach er seinen Mitinsassen an. „Schnauze, Tenner.“ Das war ihre reguläre Kommunikation seit mittlerweile fünf Jahren, so lange teilten sie sich die Zelle bereits. Die ersten drei Jahre im forensischen Institut hatte er alleine gewohnt, der erste Zimmergenosse in diesem Etablissement wurde dann nach vier gemeinsamen Jahren entlassen. Schon er hatte kaum mit Elias gesprochen, wenn er auch nicht so konsequent wortkarg geblieben war wie Norbert Greifsmann. Es waren 12 Jahre. Dennoch konnte er sich keinen Reim darauf machen, warum nun auf einmal diese fünf Menschen mit ihm sprechen wollten. „Kann ich Dich etwas fragen?“ setzte er zu einem neuen Versuch an. Auf seinem Gesicht lag echte Verzweiflung, nicht zum ersten Mal in den letzten Jahren. Das wurde von der Art und Weise konterkariert, in der statt den Menschen viel mehr den Raum zu addressieren schien. Doch obwohl der Angesprochene das Gespräch mit Schmidt mitbekommen hatte, blieb er in seine Zeitung vertieft. Nur Sport. Sie bekamen hier keine Informationen aus Wirtschaft oder Politik oder überhaupt irgendetwas außer Sport oder belanglosen „Aus aller Welt“-Meldungen. Das Datum auf der Zeitung sagte ihm, dass heute der 9. 6. 2023 war, doch die Zeit  hatte ihre Bedeutung verloren. Er lebte für die einfache Arbeit, die er hier verrichten durfte. Mittlerweile hatte ihn sogar eine gewisse Demut und Dankbarkeit für die Fertigung von Figuren erfasst. Auf diese Art und Weise hatte er eine Form des Daseins gelernt, die allein mit ihrer rhytmisch strukturierenden Wiederholung die lästige Sinnfrage aus seinem Leben verbannte.

 

(von Karl Szwillus)




1 Kommentar
Georg schrieb am 14.07.2007 17:26

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