Mein eigentlicher Fehler

Auf einer Wiese, Blumen pflückend, pfiff ich vor mich hin und stieß mich selbst damit auf den eigentlichen Fehler meiner gesamten Existenz. Vor einem geistigen Auge sah ich, wie ein kleines Mädchen mit einem Blumenkorb über die Wiese sprang und mich anlächelte. Verspielt pflückte die Kleine eine Butterblume und kitzelte sich damit - über die Maßen süß lächelnd - die Nase. Ich schaute ihr eine Weile zu, wie sie durch die grün-bunte Botanik trollte und sich ihres Daseins freute.

Mit einem Mal fuhr die Kleine jedoch herum, als hätte sie sich erschreckt, oder jemand ihren Namen gerufen. Ihr Gesicht war zu einer hässlichen Fratze der Furcht verzerrt und sie sprang, jetzt mit jedem Schritt wachsend, auf mich zu. Es hatte den Anschein, als wäre ihr Sprießen in der Länge begleitet von einem immer stärker werdenden Haarwuchs, der ihr etwas Werwolfhaftes gab. Mit jeder Elle, die sie zurücklegte, wich die Furcht in ihren Zügen einer blinden Wut. Sie brüllte in einer tiefen Stimme die Schlußkurse der NASDAQ vom vorvergangenen Dienstag, was mich ernsthaft verwunderte.

Ich seufzte. Es war wieder passiert. Mein Fehler schlich sich langsam, heimlich und so schnell immer wieder ein, dass ich ihn einfach nicht fernhalten konnte. Ich war froh, dass ich das kleine Monstermädchen mit einer Planierraupe aus meinem anderen geistigen Auge überfahren und zermalmen konnte. Wie alle Zombies von Welt explodierte auch sie unter dem stählernen Koloss und hinterließ nichts als ein paar übelriechende Knochen sowie den Blumenkorb. Ich stellte die Maschine wieder in den Schrank und beugte mich über die untoten Reste der Blumensammlerin. Hatte ich einen Fehler gemacht?

Es waren die Knochen eines kleinen Mädchens, die dort unter den Ketten der Raupe zum Vorschein kamen. Ein Schreiben ihres Anwalts, das ihren untoten Überresten beilag, löste die Verwirrung, klagte mich jedoch zugleich des Mordes an. Nachdem ich die Zeit hatte es zu lesen, verwandelte es sich in eine schielende Taube und flog in sanften Bögen davon.

(von Karl Szwillus)