03/10 2006

Eines Tages im Dunkel der Zeit

Gestern regnete einmal ein kleiner Mann. Auch wenn seine Frau ihn verachtete, er liebte es zu regnen. Klar, es gab da Probleme mit der Versicherung, aber das mußte er in kauf nehmen. Niemand, aber auch niemand konnte ihn schließlich auch auf die Agonie, die unsäglichen Schmerzen vorbereiten, die ihn hier oben erwarteten. Wartend, verharrte er. Auch eine Möwe konnte ihn nicht überreden herunter zu klettern, er war bereits förmlich mit dem Dach verwachsen. Nässe hat ihn nie sonderlich gestört. Wer seine Schuhe hätte sehen können, wäre mit Sicherheit spontan katholisch geworden, nicht wegen der erdrückenden Symbolmacht, sondern wegen des Schnürsenkels. Denn: Er war rot. Keine Angst vor lachenden Fischen, sagte sich auch der kleine Mann, und ließ ein Donnerwetter los, daß es krachte und blitzte, nie wieder wollte er sich etwas vorschreiben lassen, weder von sich selbst, noch von entheirateten Verwandten ohne Geburtsurkunde.

Es war glitschig, ohne Frage, auf dem Dach, wie auch in der Regentonne. Verzweifelt klammerte sich der kleine Mann deshalb an die Regenrinne und verspeiste genüßlich ein kleines Murmeltier, daß diese verwegenerweise hinaufgeklettert war. Er schämte sich etwas. Die Regenzeit war vorbei und er klammerte sich so verzweifelt an sein gottgegebenes Recht, den Himmel weinen zu lassen. " Schlagt die Indianer in die Flucht, Männer ! ", rief er und fuchtelte dabei aufgeregt mit den Armen. Irgendetwas hielt ihn hier oben, ließ seine Scham verdampfen und säte in ihm die Überzeugung, daß alles was er hier tat, rechtens war. Verwirrenderweise sah das der Staatsanwalt anders. Aber der aß gerade eine selbstbelegte Pizza mit grünen Oliven, was für sich genommen schon seltsam genug war, denn er hasste grüne Oliven, auch schwarze mochte er nicht.

Eine Woche später, der kleine Mann ernährte sich weiterhin von Murmeltieren und Möwenküken, kam die Sonne raus. Erleichtert legte der kleine Mann einen Regentanz auf die Ziegel, daß es krachte und blitzte. " Der Mast kippt ! ", rief er seiner etwas verwirrten Frau herunter, die hastig die Wäsche einholte. Nun war wieder alles nass, und der kleine Mann derart niedergeschlagen, daß er auf der Stelle sterben wollte, dabei liebte er es doch, zu regnen wie ein Profi.

Lucido erinnerte sich an seine erste Predigt. Sie handelte von Gottes Nähe und Gottesnähe. Primär darum, daß er den Unterschied nicht verstand. Aber die Gemeinde auch nicht. Also waren alle zufrieden. Nur der Mann auf dem Kirchturm nicht, der schnitt sich mit einer kleinen Machete, die eher die Bezeichnung Machetchen verdient, große Stücke roten Fleisches aus den Gliedmaßen. Das tat auch manchmal weh.
" Ich habe Pommes gemacht ! ", schallte es von unten herauf. Es sind Spuckgeräusche zu vernehmen, das ist alles. Ein halbes Murmeltier landet leicht versehrt auf der Terrasse.
Der kleine Mann liebte Pommes.

(von Georg Szwillus)




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