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27/01 2009
Kalkmann wird Vater
von Georg Szwillus
London, 21 August 2005. Das Wetter ist heiß, Palmen wachsen überall aus den Blumenbeeten und ein verirrter Eisbär dreht gelangweilt seine Runden in der Themse. Warum schickt man mich immer in diese abgelegenen Einöden, warum nicht den Hansel oder den Peter. Die lassen es sich jetzt gut gehen, irgendwo in Wanne-Eickel. Regendurchtränkt betritt da ein elegant gekleideter Storch den Kreißsaal. Unter aufwendigen Verbeugungen entschuldigt er sich beim Personal und bestellt dann kurz angebunden ein kleines Schwarzes. Ich werde neugierig und spreche den komischen Vogel an: "Aber es regnet doch gar nicht." Typisch, mein erster Satz dreht sich ums Wetter, so werde ich nie eine Frau kennenlernen, denke ich und verpasse so die Antwort des Storchs. "Das ist einer Tante von mir auch mal passiert", erwidere ich deshalb bewusst vieldeutig. Dem Schnabelausdruck meines Gegenüber entnehme ich, daß irgendetwas nicht stimmt, und versuche die Situation mit einem "Kleiner Scherz, haha" zu entschärfen. Als der Gentleman dann von einer Krankenschwester angesprochen wird, wendet er sich sichtbar erleichtert von mir ab, nimmt ein kompaktes Bündel entgegen und verschwindet ohne jede Andeutung eines Abschiedsgrußes durch die Tür.
"Herr Kalkmann", höre ich da von hinten, "Sie sind dran." - "Fuck!", denke ich ein wenig zu laut. Wieso muss heutzutage alles immer so schnell gehen? Früher hätte ich noch stundenlang warten können, bis hier man was passiert wäre. Unvermittelt trifft es mich wie ein Schlag. Was wenn das Baby gar nicht von mir ist? Was, wenn man mir ein Kuckucksei ins Nest gelegt hat? Was, wenn?
Drinnen ist es düster. Meine Frau hat vorsorglich alle Fenster verhängen lassen. Meine Augen haben sich noch nicht ganz an die Dunkelheit gewöhnt, als ich auch schon angestrengtes Stöhnen vernehmen kann. Bin ich hier im falschen Zimmer? Ist das vielleicht versteckte Kamera? Was wenn? Nein, eigentlich muss ich mich nur etwas beruhigen. Schließlich wird man nicht alle Tage Vater. Wer weiß, vielleicht ist das hier der Beginn einer ganz besonderen Freundschaft. Als ich vorwärts gehe, habe ich das Gefühl durch eine Schlangengrube zu schwimmen, so stickig ist die Luft, ist es etwa eine Unterwassergeburt? Meine Schwimmsachen habe ich zwar dabei, aber weit und breit ist keine Umkleide zu sehen. Die Augen der anderen haben sich bestimmt schon an die Dunkelheit gewöhnt. Und überhaupt, ist der Vater denn auch unter Wasser? Die Hebamme? Das ganze Team? Ich brauche jetzt erst einmal einen Drink, beschließe ich und verlasse den Raum fluchtartig. Keine gute Idee, denn der Oberpfleger, oder Oberbruder, oder wie auch immer, hält mich mit kräftigen Armen zurück, schickt mich gar mit einem brutalen Stoß zu Boden. Nein, hier darf ich nicht weg, nicht bevor nicht etwas wesentliches passiert ist. "Herr Kalkmann", höre ich wieder, "es ist angerichtet." Heißt das jetzt so? Also habe ich mich doch nicht getäuscht, es ist nicht meine Frau die stöhnt, nein, die Quelle ist nicht auf sondern unter dem Bett zu suchen. Da liegt ein dreckiger großer Hund, vergleichbar mit einem Irischen Wolfshund oder einem Huskey, vielleicht ein Mischling. Das Tier ist definitiv am Stöhnen, liegt aber ansonsten recht bequem eingekringelt auf dem Boden und zählt Flöhe. Ich will zu ihm kriechen, doch starke Armen zerren mich zurück in den freien Raum. "Hier oben", heißt es knapp. Letztes Jahr hatte das ganze höchst tragisch geendet. Damals war es aber auch nicht ich, der Vater wurde sondern ein anderer. "Kann man schon Aussagen über die Farbe treffen?", frage ich den Assistenzarzt. "Farbe?", kommt es zurück. Ich lasse die Sache auf sich beruhen und schaue belustigt dem bunten Treiben zu.
Als ich aus meiner Ohnmacht wieder erwache, bin ich glücklicher Vater.