- Startseite >
- Stilübungen >
- Nonsense >
- 32:23
32:23
Es war mitten in der Nacht und der Wecker zeigte an, dass es gerade halb eins sei – halb eins am Mittag, natürlich. Die blinkenden grünen Balken der digitalen Anzeige sagten mir, dass es ein Problem gegeben hatte. Stromausfall - unser Haus wurde zur der Zeit umgebaut, als sich mir die Vision enthüllte.
Im Bad haben wir diesen Wecker stehen, er funktioniert auch als Radio, und das ist der eigentliche Grund dafür, dass wir ihn dort stehen lassen. Er ist nicht schön, vor allem aber ist seine Uhrzeitanzeige anfällig für Störungen. Häufig muss der Haartrockner eingesteckt werden, genau dort, wo sonst der Wecker steckt. Wir haben leider nicht bedacht, dass wir dort mehrere Stecker benötigen.
Nun, ich sitze bei dieser Beobachtung auf der Toilette, auch wenn das keine Rolle spielt. Nun wird mir also bewusst, dass es sich tatsächlich um die Anzeige eines ganz anderen Problems handeln könnte. Nicht diesmal, natürlich. Dieser Wecker jedoch würde eines Tages etwas anzeigen, etwas beunruhigendes: Er würde einen Tag markieren, an dem merk(!)-würdige Ereignisse vom Untergang meiner Welt künden würden. Der Tag, an dem dieser Wecker die Uhrzeit 32:23 zulassen würde. Mit jeder Stunde, die nach 24 Uhr stattfinden sollte, würden die Ereignisse verstrickter, die Situationen vertrackter und meine persönliche Lage unerträglicher werden. Eine Vorstellung von den Dingen, die um 25:52 passieren dürften, hatte ich in einem Traum bereits bekommen.
Zitternd wurde mir die Gefahr bewusst, in der mich seit dem Moment befand, da mir dieses Wissen offenbart wurde. Zitternd, mir der Gefahr bewusst, wartete ich auf das Umschlagen der Zeitanzeige. Ich nenne diese Tatsache eine Vision und bin mir doch im Klaren darüber, dass es zugleich mehr ist, eine Tatsache nämlich. Offenbar lässt die Gefahr, in der mich – nun dieser Lage bewusst – befinde, nicht mehr klar zwischen Tatsachen und Visionen, zwischen Traum und Realität unterscheiden.
Ich weiss zwar, dass ich im Prinzip verhindern kann, dass es jemals die Stunde 32:23 geben wird, jedoch nicht dauerhaft, dieser kleine schlaue Apparat wird mich austricksen. Das besonders Gefährliche an meiner Lage ist, dass ich nicht genau weiss, für wann er dieses Manöver plant. Seit japanische Weckerhersteller also die Apokalypse terminieren; durch diese kleinen schwarzen Monster mit der anagrammatische Zeitanzeigenmechanik, sind die Zeiten einfach gefährlicher geworden. Ich nehme mir vor, dass ich den Wecker immer dann wenn 23:59 auf seiner Anzeige zu lesen ist, auf 0:00 stellen werde, indem ich jedes Mal zur Mitternachtsstunde das Kabel aus der ohnehin überbelegten Steckdose entferne. Meine Geisterstunde, mein Geisterschicksal wird mich jede Nacht um die selbe Stunde in das Dunkel dieses Zimmers führen. Meine Angst, übereifrigen Geisterjägern in die schußwaffenbewehrten Hände zu fallen, wächst ins Unermessliche.
Seit im englischen Darkmoore die Geister daran gehindert wurden, regelmäßig Kabel in den Tiefen ihres Schlosses aus dem Boden zu ziehen, regiert dort Tony Blair (Solche Petitessen ereignen sich aber bereits um 24:04). Schweiß rinnt in Sturzbächen meinen Rücken hinab, weswegen meine Position auf der Toilette nun ausgesprochen glücklich ist. Schön, wie ein Detail so doch noch Bedeutung bekommt. Und wieder diese Angst. Ich stelle mir vor, von Maybrit Illner interviewt zu werden und diesen Satz zu sagen: „Ja, es ist ein Detail, welches Bedeutung bekommt. In dem Moment wo der Wecker statt auf 0:01 zu springen auf die Stunde 24:01 springt.“
Also werde ich, einer Spukerscheinung gleich, das mir auferlegte Schicksal wohlwollend akzeptieren und wissen, dass es ein guter Gott war, der mich solchermaßen für seine Sache einspannte. Meine Angst möchte ich nun nicht mehr beschreiben, da die Sprache der Menschen sie lächerlich machen würde in ihrer Größe. Ich werde dies den anstürmenden Geisterjägern entgegenrufen, schallend sollen sie in Kenntnis gesetzt werden, dass ich doch gegen die Apokalypse arbeite. Obgleich ich also übernatürlich und geisterhaft erscheine, bin ich doch eingesetzt vom guten Gott, an den ihr auch glaubt, so muss ich es ihnen sagen.
Da wieder ein Gefühl von Angst, dass sie es nicht glauben, mich maschinengewehrsalvendurchsiebt auf die Erde fallen lassen und sich dann aus meinem Bad stehlen, wenn sie ihren Fehler einsehen. Ha! Ich schlage mir mit der flachen Hand vor den löchrigen Kopf. Woher sollen sie das wissen? Sie werden sich wohl schulterklopfend aus dem Bad stehlen, sie wissen nichts von der 32. Stunde, vor der ich allein das Reich unseres guten Gottes auf Erden beschütze. Blut rinnt nun in Sturzbächen in die, immer noch von mir besetzte Toilette. Es klopft an der Tür und ein Mitarbeiter der Firma aiwa möchte bei uns nur kurz auf die Toilette gehen, er habe sich verlaufen. Eilig klaube ich das Blut zusammen, welches den Boden zu bedecken begann, als das WC sich einer weiteren Aufnahme verschloss.
Ich möchte ein guter Gastgeber sein und öffne freundlich lächelnd die Tür. Wie zum Beweis seiner Authentizität zeigt der Mann auf seinen Rücken. In weissem Garn auf das schwere Grau seines Anzugs gestickt findet sich der Schriftzug aiwa. Langsam bewege ich mich auf die, von den Geisterjägern zertrümmerte, Plastikleiche des Apokalypse-Künders zu. In komplizierten Worten erkläre ich dem Mann, wie sehr wir uns schon oft geärgert haben, dass der Haartrockner die vom Wecker benötigte Steckdose belegt und dass Geisterjäger ein aufdringliches Volk sind.
Der Mann schaut den Wecker an und ersetzt ihn durch einen neuen. Die Gefahr ist weder dadurch gebannt, noch durch die Anwendung von Maschinengewehren auf meine organische Materialität. Ich weiss, dass es meine Aufgabe ist, weiterhin die Anzeige der Stunde 32:23 zu verhindern. Das aufgeklaubte Blut purzelt aus meinen Händen auf den Boden, wo es polternd zerbirst. Wie gefroren war es in meiner Geisterhand und wie von selbiger verwischt es sich nun auf dem Boden.
Ich raufe mir die Haare, dass ich den Japaner sein Werk tun ließ! Die Reiter der Apokalypse sind Frauen, doch diese kleinen Stallburschen positionieren überall ihre Wecker, die sie ankündigen werden. Um 32:23.
(von Karl Szwillus)