In der SPAM-Apotheke

Ich stehe in der stillen Atmosphäre einer Apotheke, in der Hand das Rezept für ein gängiges Antibiotikum. Ich sauge den eigentümlichen Geruch ein, der irgendwo zwischen Krankenhaus und Parfümerie liegt. Eigentümlich und doch schön. Ein gutes Gefühl, dass es Konstanten im Leben gibt, denn in der Stadt hier bin ich neu. Apotheken konservieren ein Gefühl von Heimat, bis...ja, bis ich die Apothekerin das erste Mal mit dem Kunden direkt vor mir sprechen höre.

„Mehr Energy für ihren Schwanz!“, verspricht sie ihm, woraufhin dieser die junge Frau lüstern anschaut. Sie quittiert das mit einem Lächeln. Er ist in seinen Fünfzigern, hat schütteres Haar, eine betont unmodische Brille und sieht nicht unbedingt nach einem Mann aus, dem die Frauen scharenweise zu Füßen liegen. „Und, und...Sie meinen, dass das tatsächlich etwas für mich...“, fragt er zögerlich. Sie nickt kräftig bejahend. „Wer abends mit Viagra wurzt, sich nachts auf seine Alte sturzt!“ Der Kunde wendet sich ob der derben Ausdrucksweise kurz ab und ich sehe deutlich, dass er errötet. Dann wendet er sich wieder der ausgesprochen attraktiven jungen Dame zu, mit kleinen Schweißperlen auf der Stirn. „Und wenn Sie jetzt kaufen, erhalten Sie vier Dosen gratis. Insgesamt sparen Sie auf diese Weise 80%.“ Es sieht so aus, als käme mein Vormann nun ins Grübeln, deshalb setzt sie – offenbar auf Verkauf geschult – nach: „Bei mir war es so: Als wir Liebe gemacht haben, fühlte er sich wieder wie ein Neunzehnjähriger. "Er" war so hart, er hätte Nägel damit einklopfen können. Er hat hat mich noch nie so lang und so hart geliebt.“ Nun schaue ich direkt in die Augen der dunkelhaarigen Schönheit mit dem weißen Apothekerkittel. Der Mann vor mir hatte sich noch am Kassenschalter festzuhalten versucht, doch mit ihren letzten Sätzen hatte sie ihn endgültig geschafft. Er sackte vor mir zu Boden; noch im Fallen war er darum bemüht, die Schamesröte im Gesicht mit den Händen zu bedecken. Ich muss zugeben, dass mein Blick nur kurz auf ihrem Gesicht verweilte und den Körper unter dem Kittel suchte. Die Verlockungen, von denen sie erzählte, haben auch mich nicht unbeeinflusst gelassen. Das Rezept in meiner Hand ist im Schweiß meiner Hand weich geworden, wortlos lege ich es auf die Theke vor ihr. Lächelnd schaut mich die Schönheit an und fragt: „Lust, über zwei Stunden nicht zu kommen?“

Ich greife nach dem Rezept und verlasse die Apotheke rennend.

(von Karl Szwillus)




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