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Momentaufnahmen
Wenn wir uns erinnern wollen, so stoßen wir immer wieder an die Grenzen unseres viel zu sehr auf das Vergessen orientierten Gedächtnisses. Es muss sich einer Flut von Eindrücken und Wissen erwehren, die für unser akutes Überleben zwar wichtig sind, aber zum Überleben zukünftigen Lebens ebenso zwingend vergessen werden müssen.
Es sind einzelne Momente, die immer bleiben werden. Einzelne Momente, die uns so berührt haben, dass sie unbedingt notwendig sind, aus uns die Menschen zu machen, die wir wurden. Momente machen einzigartig, weil sie selbst nur in sich wichtig und nur im Augenblick, im Unmittelbaren existent und bedeutsam sind. Verbunden mit sinnlichen, mit erkenntnisreichen, mit schmerzhaften oder den so oft verwirrenden Gefühlen für einen anderen Menschen.
Die Flüchtigkeit, die uns nie bewusst werden kann und die neue Bedeutung, herausgelöst aus allen Kontexten, ist die Paradoxie der Momentaufnahme; Im eigentlichen Moment ist dieser Eindruck einer undurchdringlichen Wahrnehmungsflut untergeordnet - sich bewusst daran erinnern zu wollen: nicht möglich. Wir können nicht wissen, dass etwas flüchtig ist, dessen wir uns als einzelne Wahrnehmung nicht bewusst sind. Leben ist eine Sequenz von Augenblicken, von Gleichzeitigem und Nebenläufigem. Eine Momentaufnahme aber ist kein Ausschnitt aus dieser Realität, sondern viel mehr. Es ist das wiederlebbare Gefühl einer Situation, eines Menschen, eine ganze Gefühlswelt, entnommen aus einem winzigen Bruchteil der damaligen Realität, ohne das wir es wüssten. Herausgelöst aus der unmittelbaren Notwendigkeit aber hat genau dieser Moment im Nachhinein einen ganz anderen Wert, eine ganz andere Bedeutung.
Von der Last der sofortigen Bearbeitung befreit, entwickelt der Moment seinen Stellenwert weiter. Er dient von da an als eine Assoziation unter vielen, die fortwährend das Raster umbauen, das in jedem Augenblick neu zwischen Vergessen und Erinnern unterscheidet. Kommendes hat sich genau diesen Sekundenbruchteilen unterzuordnen, denen wir erst dann gewahr werden, wenn die Zeit, wenn die Situation es will; aber nicht, wenn wir es wollen.
Hier geht es natürlich nicht um das memorierte Faktenwissen, es sind nicht die Wegbeschreibungen und Strassen, die solche Momente ausmachen; dieses absichtliche Erinnern gelingt, dem Einen besser, dem Anderen schlechter. Es sind Momente flüchtiger Eindringlichkeit, verliebter Zweisamkeit oder auch der Einsame oder nicht verstandener Bedeutung im Alltäglichen. Es sind immer die, die wir nicht zurückrufen können, weil wir wollen, sondern die zurückkommen, immer wieder, immer neu und doch so vertraut, sind sie es doch, die uns ergeben.


